22. Januar 2022

Ganz wahr und doch geschwindelt

Ganz wahr und doch geschwindelt

Der Autor Chuck Palahniuk in kurzen Geschichten über sein Verhältnis zu Fiktion und Wahrheit.

Das Buch „Stranger than Fiction“ habe ich gelesen, weil Chuck Palahniuk es geschrieben hat. Palahniuk hat auch den Roman „Fight Club“ geschrieben, der zu dem gleichnamigen, großartigen Film mit Brad Pitt und Edward Norton in einer Doppelhauptrolle umgesetzt wurde – längst genügend Buzz-Words für die Lektüre von „Stranger than Fiction“.

In dem Buch werden „wahre Geschichten“ erzählt, wie der deutsche Titel des Buches lautet. Es handelt sich um eine Reihe von Kurzgeschichten, die diesem wahren Leben vermeintlich abgelauscht sind, denn Palahniuk schreibt seine Bücher, indem er anderen Menschen zuhört und sich deren Geschichte erzählen lässt. „Telefonsexnummern, Selbsthilfegruppen, Zwölf-Schritte-Gruppen: das alles sind Schulen, in denen man lernt, eine Geschichte wirkungsvoll zu erzählen. Laut und deutlich. Anderen Leuten. Nicht bloß nach Ideen zu suchen, sondern wie man sie am besten vorträgt.“ Die Idee, die Chuck Palahniuk vertritt, lautet: es gibt schon alle Geschichten und die besten sowie verrücktesten sind jene, die selbst erlebt wurden, nicht unbedingt vom Leben des Autors, doch unbedingt von echten Menschen.

Vielleicht ist hier die Analogie zu Andy Warhol angebracht, der gesagt haben soll, dass die Zukunft für alle 15 Minuten Ruhm bereit halte. Palahniuk sagt, eine Geschichte habe jeder zu erzählen.

Ein wenig Warhol: die eine Geschichte, die jeder kann

Mit „Stranger than Fiction“ gibt Palahniuk Einblick in seine Poetologie, also sein individuelles schriftstellerisches Selbstverständnis: der Autor, das Schreiben, seine Inspiration, sein Leben am Schreibtisch und das ungelebte Leben in der realen Welt. „Allein. Nicht allein. Fakten. Fiktionen. Ein ewiger Kreislauf. Komödie. Tragödie. Licht. Dunkel. Alles bedingt sich gegenseitig.“ Der Autor – so versteht man Palahniuk – lebt, indem er zuhört und andere Leben erzählt.

Auf diese Weise ist auch sein bekanntestes Buch „Fight Club“ entstanden. Viele der darin enthaltenen Motive und Erzählbruchstücke hat Palahniuk zuvor von Freunden erzählt bekommen. Die Geschichten sind alle irgendwo so ähnlich geschehen, Palahniuk musste sie nur sammeln und neu zusammenfügen. Das klingt banal, zu banal.

Die Poetologie des abgelauschten Lebens bleibt unvollständig

Denn Palahniuk verschweigt, welche Arbeit ein Autor über das Erfinden von Figuren und Handlung hinaus zu leisten hat. Ein Autor muss nicht nur eine Auswahl aus den gehörten Geschichten treffen, er muss sie auch zueinander anordnen, sie arrangieren, eine Erzählung darum herum konstruieren und einen grundsätzlichen Stil bzw. eine Tonart für das Gesamtwerk finden und anschließend durchhalten. All diese Teile müssen zu einer Einheit werden: dem Roman.

Außerdem verschweigt Palahniuks Art über das Schreiben nachzudenken, dass er Bekanntschaften, Menschen und Situationen sucht, die nicht alltäglich sind, die sich teilweise sogar deutlich abseits der Norm befinden. Letztlich lauscht er seine Geschichten nicht dem „wahren“ Leben ab, sondern dem außergewöhnlichen. In den kurzen Geschichten geht es unter anderem um ein Geisterhaus, Ringer, Bodybuilder und einen Stock Car Wettbewerb mit alten Traktoren.

Um einen Roman zu schreiben, braucht es also doch deutlich mehr als nur ein offenes Ohr. Insofern redet sich Palahniuk seine Rolle als Autor kleiner, als sie ist, vielleicht um mehr Mensch zu sein, der wie andere Menschen den Schreibtisch verlässt, um im echten Leben reale Dinge zu erleben. Die Geschichten in „Stranger than Fiction“ sind gut für 15 Minuten Ruhm. Sie erklären aber nicht die Kunst, die aus einem guten Buch einen bewegenden Roman macht.

Palahniuk, Chuck: Stranger than Fiction: Wahre Geschichten, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2008

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