12. Juli 2026

Schwätzer oder Hetzer? Björn Höckes Andeutungen und Auslassungen

Eine Entgegnung.

Björn Höcke bei ungeskriptet
Björn Höcke bei unsgesriptet (Quelle:
https://www.youtube.com/watch?v=VO3QuFZ5rFg)

Wie viele andere Menschen habe auch ich die Podcastfolge mit Björn Höcke bei ungeskriptet gehört. Schnell hatte ich den Eindruck, Herr Höcke weiß, dass er sagen kann, was er will. Er weiß, sein Gastgeber wird ihn nicht unangenehm unterbrechen. Er weiß, dass diejenigen, die für ihn sind, seine Worte als gegebene Wahrheit aufnehmen. Er weiß, dass diejenigen, die gegen ihn sind, weiter gegen ihn sein werden.

Anders sind die vielen positiven, nicht hinterfragten Selbstzuschreibungen nicht zu erklären. Höcke erklärt sich selbst zu einem guten Zuhörer, beliebten Vertrauenslehrer, als einen Menschen, auf den Christen, Juden, Muslime gleichermaßen dankbar zukommen. Kann stimmen. Genauso gut können diese Selbstzuschreibungen erfunden sein oder zumindest das Resultat einer fehlerhaften Selbstwahrnehmung.

Es gab während des Gesprächs jedoch eine Reihe von Aussagen, die hinterfragt werden können und müssen.

Höckes Irrtümer

Beispielhaft für viele zweifelhafte Aussagen sollen drei große Irrtümer richtiggestellt werden. Höcke spricht von einer jahrhundertelang „gewachsenen Vertrauensgemeinschaft“, von einem „Mordkomplott gegen das deutsche Volk“ und vom Gedenken an die Bombardierung Dresdens 1945. Über seine Aussagen zu deutschen Traditionen, deutscher Kultur und deutschen Werten soll am Ende in einem eigenen Abschnitt gezeigt werden, dass es hohles Gerede ist.

1) Die gewachsene Vertrauensgesellschaft

Höcke spricht von einer über Jahrhunderte „gewachsenen Vertrauensgesellschaft“ (2:37:07). Darin liegt für ihr die Grundlage für ein sicheres und gutes Leben in Deutschland. Ich frage, was die jüdischen Mitmenschen von dieser jahrhundertealten Vertrauensgesellschaft halten oder die Briten, Franzosen, Russen? Was ist das für eine Vertrauensgesellschaft, die auch SED, Stasi und Gestapo hervorgebracht hat? Eine Vertrauensgesellschaft, die in den Ersten Weltkrieg und auch den Zweiten Weltkrieg geführt hat? Welche Rolle hat diese Vertrauensgesellschaft während des Zweiten Weltkriegs für Homosexuelle, Kommunisten, Menschen mit Behinderung gehabt?

Es bleibt offen, an welche Vertrauensgemeinschaft Höcke wirklich denkt.

2) Mordkomplott gegen das deutsche Volk

Höcke spricht wiederholt von einem „Mordkomplott gegen das deutsche Volk“ (z.B. 2:52:18). Was denkt Höcke, wer diesen Komplott ausheckt? Stellt er sich vor, Friedrich Merz, Lars Klingbeil und Markus Söder sowie weitere setzen sich zusammen und überlegen, wie sie das deutsche Volk ausrotten können?

Was geht in Höckes Kopf vor, wenn er solch eine Äußerung tätigt? Ist er Träger von Geheimwissen? Für den Hörer jedenfalls bleibt es offen.

3) Die Bombardierung von Dresden im Jahr 1945

Über das Gedenken an die Bombardierung Dresdens im Jahr 1945 merkt Höcke kritisch an, dass die existierende Kontextualisierung aufrichtiges Gedenken der Opfer auf deutscher Seite verhindere.

Es bleibt offen, warum diese Setzung so sein soll. Neben mir werden sicher sehr viele Menschen trotz Kontextualisierung des Bombardements aufrichtig allen Opfern aller Seiten gedenken können.

Warum kann Höcke das nicht? Woher nimmt er sich das Recht anderen Menschen die Fähigkeit empathisch zu sein abzuerkennen?

Insgesamt ist auffällig, wie häufig Höcke in dem Gespräch Irrtümer, Unwahrheiten bis hin zu ausgesprochenen Dummheiten verbreiten darf. Die gewachsene Vertrauensgemeinschaft und den Mordkomplott kann er nur vertreten, weil er unklar bleibt. Das Gedenken an die Opfer der Bombardierung von Dresden kann er nur vertreten, weil er anderen Menschen jenes Mitgefühl abspricht, was er selber nicht aufbringen kann.

In diesen drei Beispielen hat der Schwätzer zwar Anteile, es überwiegt jedoch der Hetzer, der Inhalte auslässt, um politische Wirkung für die eigene Überzeugung zu erzielen.

Höckes Unaufrichtigkeit, die im Hinblick auf »deutsche Werte« Verlogenheit ist

Wenn Höcke von der „deutschen Kultur“ (58:16), von „unseren Werten“ (2:39:52) oder von „unsere Tradition“ (3:12:59) spricht, wird das Gespräch irritierend. Besonders vor dem Hintergrund dieser Forderung: „Wir brauchen mal eine freie, tabulose Aussprache darüber, wer wir sind und wo wir hinwollen als Deutsche.“ (43:41) Er formuliert an dieser Stelle einen allgemeinen Anspruch, den er individuell nicht erfüllt.

Denn er gibt in dem rund 4,5 Stunden langen Gespräch kaum Anhaltspunkte, was er unter deutscher Kultur, Tradition, deutschen Werten versteht. Was verbirgt sich ganz konkret dahinter? Weiß er, was er damit meint, sagt es aber nicht aus Angst vor den Folgen? Oder ist es ihm selber nicht wirklich klar? Der Politiker bleibt bei diesen zentralen Begriffen die Antwort schuldig. Insofern wirkt der zuvor getätigte Anspruch der tabulosen Aussprache verlogen, da Höcke diesen Anspruch nicht einlöst.

Höcke ist an diesen Stellen ein Schwätzer, der inhaltsleeres Gerede als Haltung verkauft.

Sofern Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, Geradlinigkeit, und Mut deutsche Werte sind, ist Höcke wenig deutsch. Vieles davon fehlt in dem Gespräch. Der Mut konkret auszusprechen, was seiner Meinung nach ist – fehlt. Die Ehrlichkeit zu sagen, was er meint – fehlt. Höcke eiert herum, statt – wie er es fordert – frei und tabulos zu sprechen.

Es ist keine Hetze zu sagen, man wolle ein Volk, was „auf dem Boden der Kultur, die diesen Staat begründet hat“ stehe. Es ist jedoch inhaltsarmes Geschwätz, wenn man dann nicht ausführt, worin diese Kultur besteht.

Insgesamt ist Höcke demnach Hetzer, nämlich dann wenn er Sachverhalte verdreht und Schwätzer, nämlich da, wo er vage und somit unklar bleibt.

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