Die Optionen einschränken. Das Problem der freien Entscheidung

Schwartz, Barry: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht
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Es fällt vielen Menschen schwer in einer Situation des konstanten Überflusses, wie wir ihn aktuell erleben, eine Entscheidung zu fällen und je größer die Entscheidungsfreiheit ist, desto schwerer. Beim Kauf einer neuen Jeans ging es dem amerikanischen Professor Barry Schwartz so. Die große Auswahl an verschiedenen Farben und Passformen verunsicherte ihn. Er wusste nicht länger, was er wollte. Diese unerwartete Entscheidungsschwäche war der Auslöser für sein Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht“.

Diese Unsicherheit angesichts des Überflusses trifft uns alle. Um es vorweg zu nehmen, erst nach 225 von 236 Seiten macht Schwartz praktische Vorschläge, wie man unter diesen Umständen mit schwierigen Entscheidungen umgehen könnte. (weiterlesen)

Der lange Weg zum Kern

Auf den vorhergehenden 225 Seiten werden die psychologischen und kognitiven Hintergründe des Entscheidens erläutert, wobei der Zusammenhang manchmal leicht und ein anderes Mal kaum zu erkennen ist. Hierbei macht Schwartz deutlich, dass die weit verbreitete Methode des Gegenüberstellens von Pro- und Kontraargumenten nur scheinbar rational ist. Denn gerade die Folgen bei schwerwiegenderen Entscheidungen können nicht vorweggenommen werden. Die menschliche Psyche unterliegt hierbei mehreren Fehlern, das Urteilsvermögen ist verzerrt, man kann sich nicht darauf verlassen.

Bei der Darstellung dieser Fehlerquellen bezieht sich Schwartz auf die wichtigen Arbeiten von Kahneman und Tversky, wie es die wohl meisten Autoren tun, die im Gebiet der Kognitionswissenschaft forschen und publizieren. Dargestellt werden die Effekte der Verankerung, der Versunkenen Kosten, des Besitztums, der Nichtberücksichtigung von Rahmenbedingungen und noch mehr. All diese Effekte beschreiben Verzerrungen der Wahrnehmung oder Auffälligkeiten im Verhalten.

Im Verlauf des Buchs geht Schwartz auf verschiedene Bereiche des Lebens ein, in denen wir die freie Wahl haben: Einkaufen, Religion, Bildung und viele weitere. Die Art, wie Schwartz seine Erkenntnisse präsentiert, ist unterhaltsam, nachvollziehbar und überzeugend, auch wenn es lange dauert, bis er zu seinen zentralen Erkenntnissen kommt.

Warum gute Entscheidungen selten sind

Die Schwierigkeit einer guten Entscheidung besteht darin, dass zu viele Wahlmöglichkeiten zu Unsicherheit und Ungewissheit führen, die dann die menschliche Psyche lähmen. Entscheidungsüberfluss führt zu Entscheidungsschwäche. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die Entscheidungen langfristiger Natur sind. Wenn ich mich nur für ein Essen entscheide und die Entscheidung war nicht gut, dann schmeckt mir das Essen nicht oder ich ärgere mich über das ausgegebene Geld. Wenn dies aber bei der anfangs erwähnten Jeans passiert oder bei einem Computer, so muss ich für die Lebensdauer des Produkts damit leben. Insofern erhöht sich der Druck für eine gute Entscheidung enorm.

Denn meist muss man andere Möglichkeiten aufgeben, um etwas zu bekommen. Wenn ich mich für ein Auto entscheide, verwerfe ich damit viele andere Autos und damit viele andere Möglichkeiten. Dasselbe gilt für eine Frisur, ein Date, ein Smartphone. Egal wie die Entscheidung getroffen wird, es gibt immer auch Alternativen, die man hätte wählen können. Daraus entsteht das Problem des Bereuens, welchem Schwartz ein eigenes Kapitel widmet.

Nichts bereuen

Nicht nur die verpassten Alternativen reizen dazu, die gemachte Entscheidung zu bereuen. Auch die menschliche Psyche neigt dazu: Ist unsere Entscheidung gut gewesen, aber wir haben mehr erwartet, dann sind wir mit unserer Entscheidung weniger glücklich, als wenn wir eine zwar schlechte Entscheidung getroffen, aber ein noch schlechteres Ergebnis erwartet haben. Zumal man nur glücklich ist, wenn das Ergebnis die Erwartung dessen deutlich übertrifft. Wir neigen also grundsätzlich eher dazu eine Entscheidung zu bereuen als sie zu genießen. So paradox kann die menschliche Psyche sein.

Mit dieser Psychologie der Erwartung kann auch erklärt werden, dass der Glücksquotient, der die Lebenszufriedenheit beschreibt in Amerika seit einer Generation stetig sinkt, obwohl der Wohlstand ebenso stetig steigt. Nicht der materielle Wohlstand macht glücklich, sondern unsere Erwartung, wie viel Wohlstand uns zustehen sollte. Diese Erwartung ist keine objektive Größe, sondern wird über den sozialen Vergleich gesetzt.

Schwartz schließt ab mit der Feststellung, dass das Anwachsen der Auswahlmöglichkeiten drei negative Folgen nach sich zieht:
• Entscheidungen benötigen mehr Aufwand
• Fehlentscheidungen werden wahrscheinlicher
• die psychologischen Folgen einer Fehlentscheidung sind schmerzhafter (gravierender)

Maximierer und Satisficer

Besonders anfällig für diese negativen Folgen sind die Menschen, die Schwartz als „Maximierer“ bezeichnet. Diese wollen immer die bestmögliche Entscheidung treffen und investieren darum am meisten Zeit und sind besonders anfällig dafür, ihre Entscheidung später zu bereuen. Sie sind gefangen in ihrer Wahlfreiheit und drehen sich darin wie ein Hamster in seinem Hamsterrad. Immer auf der Suche nach einem nicht zu erreichendem Optimum.

Das psychologisch gesehen gesunde Gegenstück zum Maximierer ist der „Satisficer“. Er überlegt, welches Ergebnis seinen Anforderungen genügen würde – es muss nicht das Beste sein. „Gut genug“ ist das Ziel des Satisficers. Dies spart ihm viel Zeit und spätere Enttäuschungen.

„Gut genug“ als erfolgreichste Entscheidungsstrategie

Anders als man meinen möchte, hängt die Zufriedenheit mit einer Entscheidung weniger mit der objektiven Qualität des Ergebnisses zusammen, wie sie der Maximizer anstrebt. Vielmehr bemisst sich die Zufriedenheit an der inneren, subjektiven Erwartung. Dies erinnert an den Satisficer mit seiner angepassten Erwartung. Hieraus leitet sich die erste Entscheidungsstrategie ab. Man soll nicht nach dem besten Angebot suchen, sondern sich genau überlegen, welche Bedürfnisse befriedigt werden sollen und dann sucht man nach dem Angebot, was „gut genug“ ist. Dies ist, was die Satisficer tun. Es mag dann noch Wahlmöglichkeiten geben, die die Bedürfnisse noch besser befriedigen könnten, aber für diese interessiert sich der Satisficer nicht mehr.

Hierbei hilft die zweite Strategie, die sagt, man solle die Auswahl verringern. Man solle nur zwei, maximal drei Angebote einholen, vergleichen und dann bald seine Entscheidung treffen – unabhängig davon, was es sonst noch geben könnte. Dies spart Zeit und spätere Reue. Die Entscheidungsstrategien sind darauf ausgelegt, dass man nicht nur weiß, warum weniger mehr ist, sondern auch, wie man zu diesem Weniger gelangen kann.

Eine dritte Entscheidungshilfe ist, dass nur Entscheidungen getroffen werden, die auch wirklich getroffen werden müssen. Dazu gehört, dass man dieselben Dinge immer wieder tut und einkauft, so lange, bis sie wirklich eine Enttäuschung sind. Man soll sich auch nicht von neuen und verbesserten Angeboten locken lassen oder wie Schwartz es ausdrückt: nicht kratzen, bevor es juckt.

Der letzte Hinweis bezieht sich auf die Zeit nach der Entscheidung. Wie zuvor schon deutlich wurde, bemisst sich die Zufriedenheit mit einer Entscheidung weniger an ihrem objektiven Erfolg und mehr an dem subjektiven Erleben. Also solle man seine Erwartungshaltung reduzieren. Auf diese Weise steigert sich das subjektive Wohlbefinden, da man keine schlechten Entscheidungen mehr bereuen muss. „Gut genug“ eben.

Fazit

Nicht von ungefähr erinnert „Anleitung zur Unzufriedenheit“ an das Buch „Die Geschichte der O“ von Pauline Réage. In deren sadomasochistischen Roman geht es um weibliche Unterwerfung. Auf den ersten Blick ist es unverständlich, wie man so sehr die eigene Kontrolle aufgeben und sich der Macht eines anderen unterordnen kann. Aber es wird im Verlauf klar, dass man durch die Aufgabe der Kontrolle viel stärker im Jetzt lebt, man kann sich ganz der aktuellen Situation hingeben. Etwas sehr ähnliches fordert Schwartz mit seinem Sachbuch. Die Einschränkung der potentiellen Wahlmöglichkeiten beschreibt er folgerichtig als befreiend und nicht als einschränkend.

Insgesamt zeigt Schwartz in seinem lesenwerten Buch, dass mehr Wahlmöglichkeiten zwar mehr Freiheit bedeuten, aber zugleich auch eine Überforderung darstellen. Zur Entscheidungsfindung muss mehr Energie aufgewandt und mehr verglichen werden und dennoch bleibt anschließend die Unsicherheit, ob man nicht doch besser anders gewählt hätte. Die Freiheit der Wahl ist zugleich die Unfreiheit des Wählen müssens. Dagegen schreibt Schwatz an.

In der Essenz bleibt die simple moralische Botschaft: Die Zeit, die wir zur Entscheidungsfindung aufwenden, fehlt dann bei einem guten Freund, der Ehefrau, den Kindern oder für die Gesellschaft bzw. Gemeinschaft.

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