Flach, gemein, dumm und laut

Filmbesprechung: God Bless America (2011)

Dank des Google Übersetzers kann die Besprechung auch in Englisch gelesen werden: Shallow, Mean, Dumb, Loud

Der Film „God Bless America“ von Bobcat Goldthwait ist eine eher harmlose Satire, die aus der Haltung der moralischen Überlegenheit das heutige, konsumgetriebene Amerika persifliert, sich moralisch überlegen gibt und sich darin leider komplett verrennt.

20 Minuten wirkungsvolle Satire auf das heutige Amerika

Erzählt wird der Film aus der Perspektive von Frank. Frank ist Ende 40 Jahre alt, geschieden und als Vater wie auch als Arbeitnehmer erfolglos. Bald schon wird er gefeuert und seine Tochter spielt lieber Videospiele, als mit ihrem Vater zu telefonieren und will ihn nur besuchen, wenn er ein Geschenk für sie hat.

Frank hat dauernden Kopfschmerz und Schwierigkeiten beim Einschlafen. Also dämmert er vor dem amerikanischen Nachtprogramm vor sich hin. Kandidaten, die in Castingshows verlacht werden. Moderatoren, die frauenfeindlich und rechtsextrem sind. Teenager, die sich in Scripted Reality Formaten unmöglich benehmen. „Das ist die Welt, in der wir leben“, sagt eine der Fernsehfiguren. Alle Einspieler stellen die existierende Medienlandschaft dar, allerdings ein klein wenig überspitzt. Die Folge ist heftiges Zweifeln an der Menschheit. Die ersten zehn Minuten spiegeln als Satire das, worüber die Welt lacht, wenn sie an ein dummes, unaufgeklärtes Amerika denkt.

Nach knapp 25 Minuten steckt sich Frank die Pistole in den Mund. In einem Kurzfilm fiele an dieser Stelle ein Schuss, der Film hätte sein satirisches Statement gemacht und der Abspann würde beginnen.

Moralisch, zu moralisch, unmoralisch

Stattdessen trinkt Frank ein Bier.

Auch wenn Frank in seinem Leben nichts hat, so hat er doch eine ablehnende Meinung dem Medienzirkus gegenüber, den er als „neues Kolloseum“ bezeichnet und in dem er die letzten Zuckungen eines untergehenden Imperiums erkennt. Die Parallele zum Römischen Reich ist nicht von der Hand zu weisen. Zumal „God Bless America“ kräftig in dieses Horn bläst.

Frank ist in seiner Ablehnung der Fernsehformate (die er sich jedoch alle ansieht) sehr streng, teilweise rigide. „Warum soll man eine Zivilisation haben, wenn niemand mehr Interesse hat, zivilisiert zu sein?“, fragt er sich rhetorisch. Er beschließt, all jene Menschen zu töten, die menschlichen Anstand vermissen lassen, die keine Scham mehr kennen, die an diesem Medienrummel aus Lachen und Verlachen teilnehmen. Alle die, die moralisch dekadent sind. „Ich will nur Menschen töten, die es verdienen zu sterben“, wird zu seinem Dogma

Selbst als Mörder sieht er sich moralisch überlegen.

Wer im Kino spricht, ist des Todes

Das erste Opfer ist eine 16jährige Schülerin, die im einer Reality TV Show als „Prinzessin“ dargestellt wurde. Frank erschießt die Schülerin in ihrem Auto, wird dabei von der 16jährigen Roxy beobachtet, die „Awesome“ sagt, statt sich zu fürchten. Roxy schließt sich Frank an und als er sich als Folge seiner Tat ermorden will, fordert sie ihn auf, „es“ auch zu tun – sie wolle bloß zusehen. Frank bringt sich zum zweiten Mal nicht um.

Und Roxy schlägt vor, sie könnten wie Rächer die Menschen töten, die es verdient hätten. „Das macht auch mehr Spaß, als sich selbst zu töten, richtig?“, sagt Roxy. Neben Roxy wirkt Frank auf einmal richtig normal.

Während Frank sich innerhalb seines Gedankenkonstrukts auf der moralisch richtigen Seite wähnt, soll auch der Zuschauer sich mit dieser Position identifizieren. Die Montagen des übertriebenen Fernsehprogramms und vor allem das Voice Over, das an Franks innerem Seelenleben teilhaben lässt, verführen den Zuschauer dazu.

Blöderweise verdienen längst nicht alle Figuren zu sterben, die von Frank und Roxy getötet werden. Zum Beispiel werden in einer ziemlich unglaubwürdigen Kino-Szene, bei der alle Klischees des schlechten Kino-Benehmens gezeigt werden, laute, telefonierende Teenager sowie ein lügender Vater von Frank und Roxy erschossen. Dies funktioniert nur noch innerhalb der Filmlogik, weil die Erschossenen eben keinen Anstand zeigen und es so verdienen, dass man sie tötet. Tatsächlich ist es pervers, Menschen für kleine Lügen oder Teenager für altersgemäßes Verhalten zu töten.

Überzeugende Schauspieler – Figuren weniger überzeugend

Die Schauspieler Joel Murray (Frank) und Tara Lynne Barr (Roxy) spielen ihre Figuren überzeugend, wobei die Figur der Roxy als Karikatur angelegt ist und entsprechend überdreht dargestellt wird, was weniger herausfordernd sein dürfte als die Darstellung des gesellschaftlich abgehängten Kulturpessimisten Frank. So überzeugend die Darstellung der Figuren durch die Schauspieler ist, so wenig überzeugend ist die Glaubwürdigkeit der Figuren.

Denn eine räsonierende Jugendliche, die Morden „Awesome“ findet, wird sich in der Realität so leicht nicht finden lassen. Im weiteren Verlauf des Films wird auch die Figur des Frank zunehmend unglaubwürdig. Einerseits vermeidet er alles tunlichst, was in seiner Beziehung zu Roxy als sexuell ausgelegt werden könnte – er will ihr nicht einmal sagen, ob er sie schön findet. Andererseits sind sie Partner auf Augenhöhe, wenn es darum geht, andere Menschen zu töten. Kein Wort der Ermahnung an eine 16jährige, die ihr Leben noch vor sich hat.

Das große, vorhersehbare Finale

Belastet mit diesen moralischen Unklarheiten und einer schwachen Figurenzeichnung, ist die zweite Hälfte des Films fast schon wirr. Frank und Roxy überlegen, nach Frankreich zu fliehen, weil alle Franzosen Amerika hassen würden und Frank erfährt, dass er keinen Hirntumor hat. Der Film rettet sich mit Mühe zu dem, was von Anfang an als großes Finale angelegt ist. Frank rüstet sich mit einer AK 47 aus und begibt sich zu den Liedzeilen „I‘m not like everybody else“ zu der Finalveranstaltung von „American Superstarz“.

Der Film ist vorhersagbar. Wenn man vom Töten absieht, dann ist Frank in dem Wunsch, nicht so zu sein wie alle anderen, genau so wie alle anderen, die Castingshows und Scripted Reality TV als würdelos ablehnen. Alle haben gemeinsam, dass sie anders, einzigartig sein wollen und täglich erleben, dass sie im Großen und Ganzen unsichtbar sind. Insofern ist das Verhalten Franks das eines unglücklichen Menschen, der keine Freude in seinem Leben mehr hat. Er schimpft nicht, weil die Zustände so schlecht sind, sondern weil ihm in seinem sozial isolierten Zustand das Schimpfen als letzte Möglichkeit der Äußerung verblieben ist. An diesem Paradox kommt „God Bless America“ nicht vorbei.

Am Ende töten Frank und Roxy wahl- und ziellos die Besucher der Finalveranstaltung und sterben selbst im Kugelhagel der Security. Zwar hatte sich Frank noch einen Gürtel aus Dynamit umgehängt, mit dem er das Studio in die Luft sprengen wollte, aber für die Explosion war wahrscheinlich kein Budget eingeplant.

Insgesamt ist der Film ansehbar, wenn man sich darauf einlassen kann, dass Selbstjustiz ein in der Fiktion möglicher Weg ist. Man darf jedoch keineswegs die traurige Hauptfigur Frank mit einem Helden verwechseln und dass der Film selbst dies tut, ist problematisch. Der Film ist vor allem wegen des überzeugenden Schauspiels kurzweilig und in der teilweise überspitzten Kritik von Amerikas Vergnügungssucht unterhaltsam. Leider sind die Figuren nicht glaubwürdig angelegt und die Moral läuft ins Leere. Was zudem fehlt, ist ein positiv formulierter Gegenentwurf zur satirisch geäußerten Kritik.

So bleibt „God Bless America“ ein sich moralisch gebender Film, der allerdings nur selbstgerecht ist.

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Ich bin auch gerne bereit, den Film zu verleihen.

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