Nicht spannend, nicht packend, aber immerhin Zombies

Besprechung zur Fernsehserie „Fear the walking Dead“

Nominell erzählt das Follow-Up „Fear the Walking Dead“ davon, wie es zu der apokalyptischen Welt der Kult-Serie „The Walking Dead“ gekommen ist. Wie konnten hirnlose, langsame Untote die Zivilisation, wie wir sie kennen, so einfach wegspülen? Schon vorweg: dies wird nicht geklärt, allenfalls angedeutet.

Die Erzählung des Spin-off setzt ein, kurz nachdem die ersten Zombies erscheinen, aber noch bevor die Gesellschaft dies wahrnimmt. Erzählt wird die erste Staffel am Beispiel der Patchworkfamilien Clark und Manawa sowie der Einwandererfamilie Salazar, die sich alle im allgemeinen Chaos der Zombie-Apokalypse zusammentun, um zu überleben.

Ärgerliche Figurentreue nimmt die Spannung

Bis zum Ende der ersten Staffel geht die Serie sehr sorgsam mit den Hauptcharakteren aus den drei Familien um. Von den neun Figuren sterben bis zum Ende der ersten Staffel nur zwei und mit dem Tod der zweiten Figur endet die erste Staffel. Diese Figurentreue wirkt in diesem Genre – vor allem im Vergleich zu „The Walking Dead“ – ziemlich antiquiert. Es kommt darum wenig Spannung auf.

Auch die Anlage der Figuren ist nicht ganz zeitgemäß, die Mehrzahl der Figuren ist nahe am Klischee. Hier sind Travis Manawa auf der einen Seite und Daniel Salazar auf der anderen Seite hervorzuheben. Travis ist überlebensbrav und darum langweilig. „Das sind gute Menschen“, ist eine Dialogzeile, die dies ausdrückt. Die Figur des Salazar folgt einem vermeintlichen pragmatischen Realismus, ist jedoch hauptsächlich böse: „Gute Menschen sind die ersten, die sterben“. Allzudeutlich sind diese beiden Figuren als gegensätzliche Pole erkennbar.

Nick, eines der beiden Clark-Kinder, ist drogenabhängig und das Gegenteil seiner Schwerster Alicia, die das American Dreamgirl verkörpert. Ofelia Salazar, die Tochter des Folterers Daniel, ist die unschuldige Schönheit und auf diese Weise sind die Figuren als sich ergänzende Gegensatzpaare angelegt. Derart typisiert sind die Figuren kaum individueller als die Zombies, gegen die sie kämpfen.

Genretypische Zombies bringen keine Antworten

Immerhin sind die Zombies in „Fear the walking Dead“ genretypisch hungrig nach Menschenfleisch, kaum aufzuhalten und körperlich unkoordiniert. Sie sind langsam und können ihre Körperkraft nicht ideal einsetzen. Erst in der großen Masse sind sie eine Herausforderung für die Menschen.

Dieses genretypische Verhalten wirft die Frage umso dringender auf, wie es die zu Beginn wenigen Zombies schaffen, die Menschen zu verdrängen. Die grundsätzliche Frage, woher Zombies kommen und wie das Verwandeln eines Menschen in einen Untoten funktioniert, wird nicht gestellt und muss auch nicht gestellt werden. Es gibt hierauf keine zufriedenstellende Antwort. Die Möglichkeit von Untoten ist genauso eine Voraussetzung für das Genre wie das Einlassen des Zuschauers auf diese Möglichkeit.

Die Serie bietet hierzu zwei Erklärungsmuster an, wie die moderne Gesellschaft von zunächst einzelnen Zombies überrannt werden konnte. Zunächst sind es moralische Skrupel, gerade zu Beginn des Ausbruchs. Immerhin werden die Menschen von ihren Arbeitskollegen, Nachbarn und Familienmitgliedern attackiert. Es handelt sich in der Hoffnung der Figuren noch um Menschen mit einer Infektion und nicht um Untote.

Vertieft werden die moralischen Bedenken dadurch, dass die Zombies in den ersten Folgen noch recht menschenähnlich sind, d.h. man kann sie nicht leicht töten. Ihre Körper und Köpfe leisten in etwa den Widerstand, den Körper und Köpfe eben leisten. Die Zombies in „The Walking Dead“ sind dagegen sehr viel leichter zu beseitigen, als hätten sie Schädelknochen aus Butter. Auch in „Fear the walking Dead“ werden diese Köpfe gegen Ende der ersten Staffel weicher.

Zudem gibt es die dünne Decke der Zivilisation. Als die ersten Zombies auftauchen, wittern viele Menschen eine Verschwörung des Staates (was insofern zutrifft, als dass der Staat die Menschen nicht angemessen informiert). Es folgen Aufstände und Ausstände, die ein Verhalten der Menschen zutage fördern, dass man sie für wenige Stunden kaum von Zombies unterscheiden kann. In dieser Zeit verbreiten sich die Zombies dann derart massenhaft, dass sie anschließend nicht mehr aufzuhalten sind.

Das erste Hinwegfegen der dünnen Decke der Zivilisation wird noch gezeigt, aber dann verbringen die Hauptfiguren einige Tage abgeschieden hinter einem Zaun und auf der anderen Seite des Zauns vollzieht sich die Apokalypse unbeobachtet. Die Erklärung bleibt also unglaubwürdig und letztlich bleibt die Zombie-Apokalypse eine unbefriedigend, unfreiwillige Leerstelle, die nicht nachvollziehbar erklärt wird.

Auf moralische Bedenken folgen große moralische Schwächen

Zu Beginn der sechsten und damit letzten Episode der Staffel folgt ein schwerwiegender erzählerischer Tiefpunkt. Die Überlebenden müssen ihr scheinbar sicheres Refugium verlassen, doch bevor sie dies tun, wollen sie noch die eigenen Leute aus einer Militärbasis befreien. Sie gehen davon aus, dass diese dort festgehalten werden. Das Begehren, die eigenen Leute wieder zu bekommen, ist legitim, das gewählte Mittel nicht.

Denn die Gruppe lockt eine große Horde Zombies zu der Militärbasis, die anschließend komplett überrannt wird. In dem entstehenden Chaos können sie zwar ihre Mitglieder befreien, aber spätestens mit dieser Aktion ist die Serie eigentlich gestorben, da es keine wirkliche Notwendigkeit gab, so viele Menschen – die Mehrzahl davon wäre sicher im juristischen Sinn auch als unschuldig zu bezeichnen – in den Tod zu schicken. Eine moralisch ziemlich untote Befreiungsaktion.

Insgesamt ist „Fear the walking Dead“ also ein durchwachsenes Spin-Off mit einigen erzählerischen Ungereimtheiten und Schwierigkeiten, welches zumindest für Menschen mit Interesse an diesem Genre auf jeden Fall sehenswert ist – mehr aber auch nicht.

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