Filme sehen kann man lernen

Schröter, Erhart: Filme im Unterricht. Auswählen, analysieren, diskutieren, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2009

„Medienkompetenz zählt zu den zentralen Aufgaben einer umfassenden Persönlichkeitsbildung“, schreibt der Medienpädagoge Erhart Schröter in seinem Buch „Filme im Unterricht“. In Zeiten von Smartphone, Internet, sozialen Netzwerken und vielen weiteren Medienspielarten wird dies kaum jemand bestreiten.

Der Film ist nach Schröter die „Grundlage der audiovisuellen Grammatik“, weil er in sich Bild-, Ton-, Musik- und weitere Ausdrucksmittel vereint. Zudem gehört er als bestimmender Teil des Alltags zur „kulturellen Identität einer Epoche“. Er wirkt somit prägend auf die unterschiedlichsten Persönlichkeiten in ihrer Entwicklung.

Handungs- und Produktionsorientierter Unterricht begegnet der generellen Offenheit ästhetischer Strukturen

Der sogenannte rezeptionsästhetische Ansatz hat sich seit einiger Zeit im Deutschunterricht etabliert und der damit in Verbindung stehende Handlungs- und Produktionsorientierte Unterricht wird verstärkt angewandt. Nach diesem Ansatz sind jegliche ästhetische Strukturen durch Offenheit gekennzeichnet und enthalten darum die Möglichkeit der produktiven Teilnahme des Schülers am Werk. „Der Zuschauer konstruiert seine eigene Geschichte. Er wählt aus – individuell nach subjektiven Erfahrungen, Einstellungen und sozialen Gegebenheiten.“ Erst im Rezipienten findet eine Erzählung ihren Abschluss.

So gesehen zeichnet sich ein ästhetisches Werk durch Pluralität, Mehrdimensionalität und verschiedene Sichtweisen aus. Doch Film ist nicht rein subjektiv und also auch nicht dem individuellen Geschmack unterworfen. Vielmehr bedient er sich einer eigenen Symbolik und erkennbaren (gesellschaftlichen) Referenzen, mit denen der Blick und die Wahrnehmung des Zuschauers gelenkt werden.

Um Schüler im Unterricht für dieses Grundverständnis der Offenheit ästhetischer Strukturen zu sensibilisieren, führt Schröter den Begriff der „Kreativen Rezeption“ ein. Mittels dieser wird das passive Zusehen in ein aktives Rezipieren gewandelt. Dieser Ansatz ist mit der „Pädagogik der praktischen Realisierung“ vergleichbar, die Alain Bergala in seinem Buch „Kino als Kunst“ vorstellt. In beiden Fällen werden die Schüler als fiktive Produzenten tätig.

Kreative Rezeption als Methode der Filmvermittlung

Im Verlauf des Buchs stellt Schröter verschiedene Methoden vor, diese Kreative Rezeption zu initiieren oder anzuwenden. So viel sei herausgegriffen: Es geht immer darum, durch produktive Teilnahme neue Perspektiven anzunehmen, um so unterschiedliche Ansichten vergleichen zu können. Das didaktische Anliegen jeder medienpädagogischen Arbeit im Bereich des Ästhetischen ist also, den Schüler zu eigener Produktivität anzuregen – sei sie auch fiktiv. Schröter legt demnach ein Buch vor, das im Hinblick auf das Medium Film an die Didaktik des Handlungs- und Produktionsorientierten Deutschunterrichts anschließt. Als kleines Surplus führt die Kreative Rezeption zu einer distanzierten Rezeptionshaltung. Insofern versteht sich das Buch auch als Anleitung zum kritischen Sehen, was natürlich ein hoch gestecktes Ziel ist. Vielleicht zu hoch.

Insgesamt stellt Schröter verständlich und nachvollziehbar sein Verständnis einer gelingenden Filmpädagogik vor und leistet darüber hinaus eine sehr knappe Einführung in die wichtigsten Begriffe der Filmanalyse. Allerdings gelingt dem Autoren, obwohl er es wiederholt versucht, keine überzeugende Filmanalyse, vielmehr misslingen seine atmosphärischen, inhaltlichen und analytischen Beschreibungen der Filme durchweg. Auch die Beispielantworten der Studenten, die in das Buch integriert sind, hätte man sich sparen können.

Letztlich ist „Filme im Unterricht“ ein gutes Buch, dem man anmerkt, dass der Autor ein Pädagoge und kein Filmwissenschaftler ist. In diesem Sinne ist es besonders für Pädagogen interessant und sei diesen – zumal wenn sie sich mit Film und Medien im Unterricht beschäftigen – zur Lektüre empfohlen, denn Medienkompetenz zählt zu den zentralen Kompetenzen der heutigen Gesellschaft.


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Die Methode der „Kreativen Rezeption“

Die Methode der „Kreativen Rezeption“ beruht auf dem Prinzip der Verschränkung von sinnlicher Medienwahrnehmung und der eigenen Produktivität des Rezipienten. Durch weiterführende kreative Aufgaben werden die Teilnehmer/innen angeregt, zu assoziieren, zu malen oder szenisch zu spielen. Dadurch werden die motiviert, in der Kleingruppensituation gemeinsame Erlebnissituationen zu entwickeln und kommunikativ auszutauschen. Durch Bilder, Texte und Standbilder werden Erlebnisdimensionen dingfest, für andere sichtbar und kommunizierbar gemacht. Sie dienen dabei keinem ästhetischen Selbstzweck, sondern unterstützen den Ausdruck und Austausch von Sichtweisen in der Gruppe. Hierdurch wird ein Ansatzpunkt für anregende Gespräche geschaffen. (Schröter, Erhart: Filme im Unterricht, Seite 34)

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