4. Dezember 2022

Der Herr der Ringe – light

Tolkien, J.R.R.: Geschichten aus dem gefährlichen Königreich, Hobbit Presse Klett-Cotta

Mit Frodo, Gandalf und Aragorn durch Mittelerde streifen, gehörte schon lange vor der Verfilmung des Fantasy-Epos durch Peter Jackson zu den akzeptiertesten aller Fantasy-Lektüren. Nicht umsonst gilt „Der Herr der Ringe“ als Krone aller Fantasy-Schöpfungen. Verfasst wurde das Werk von dem englischen Sprach- und Literaturwissenschaftler J.R.R. Tolkien, der sein ganzes Leben an der Fortentwicklung und Vervollkommnung dieser Fantasywelt arbeitete. Sogar seine wissenschaftliche Arbeit ließ er als Quelle der Inspiration einfließen: Aus seinem besonderen Interesse an Sprachen entwickelte er zum Beispiel aus dem Finnischen die Hochsprache der Elben Quenyaq und angelehnt an das Hebräische die Sprache der Zwerge Khuzdul.

Tolkien schuf mit Mittelerde ein eigenes fantastisches Universum

Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass der in den Jahren 1954/55 erschienene „Der Herr der Ringe“ das zentrale Werk in Tolkiens literarischem Schaffen ist. Doch Tolkien hat mit Mittelerde eine ganz neue, fantastische Welt erdacht und einen entsprechenden Literaturkorpus hinterlassen.

Das Buch „Der kleine Hobbit“ wurde vor dem Herrn der Ringe publiziert und die ergänzenden Bücher „Das Simarillion“, „Nachrichten aus Mittelerde“ sowie die „Geschichte von Mittelerde“ erschienen allesamt posthum. Mit dem Band „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ ist nun in der Hobbit Presse des Klett-Cotta Verlags ein weiteres Buch aus Tolkiens Feder erschienen.

Auf 300 Seiten sind vier Kurzgeschichten und ein Gedichtzyklus versammelt, die sowohl vor als auch nach „Der Herr der Ringe“ verfasst wurden.

Viele Verweise auf den Herrn der Ringe

Gemeinsam sind den Texten die vielen Verweise auf die Welt des Herrn der Ringe. Seien es ganz direkt Namen und Orte wie im Gedichtzyklus „Die Abenteuer des Tom Bombadil“, der manchen aus „Der Herr der Ringe“ bekannt sein dürfte oder wiederkehrende Motive wie z.B. ein schimmernder Elbenstern, der freiwillig zurück gegeben werden soll, in der Geschichte „Der
Schmied von Großholzingen“. Stück für Stück, Zug um Zug entfernen sich die Kurzgeschichten aus einer anfänglichen Normalität, die mit jeder Seite fantasievolleren Kreaturen und skurrileren Begebenheiten weicht. Alle fünf Texte gleichen einer literarischen Fingerübung, die der Frage nachgeht, wie man aus der Normalität in eine fantastische Welt gelangt. Allein die Gestaltung dieser Übergänge ist schon lesenswert.

Bei Tolkien ist die Ablösung des Alltags durch das Fantastische stets mit einer Reise verbunden, ob einer tatsächlichen oder einer geistigen. Sie liefert die immer neuen Motive für seine Fantasywelt. Auch Frodo musste aus seiner beschaulichen Normalität aufbrechen und sich auf eine beschwerliche Reise begeben. Dies tun auch der „Bauer Giles von Ham“ oder der Hund „Roverandom“. Die Reisenden erleben dann in fernen Ländern und Königreichen jene Geschichten, die sie zu Hause berühmt machen und die zugleich über den Horizont der Zurückgebliebenen hinaus gehen. Selten treten die Figuren die Reise freiwillig an. Meist müssen sie mit leichtem Zwang überredet werden. Besonders deutlich wird dies bei der Geschichte „Blatt von Tüftler“,
deren Anfang zugleich ein ein hinreißendes Stück Literatur über die Mühen des Kunstschaffenden ist.

Märchenhafter Erzählstil, fantasievolle Beschreibungen

Letztlich stehen die „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ natürlich im Schatten der größeren Ring-Erzählung. Dennoch zeichnen sie sich durch zwei große Stärken aus: Einen märchenhaften Erzählstil, der zwar an Märchen erinnert, zugleich jedoch über die recht einfache Struktur eines Märchens hinaus geht. Und zweitens über sehr fantasievolle, bildhafte
Beschreibungen, die immer dazu geeignet sind, den Leser auf angenehme Weise zu überraschen. Im Vergleich mit dem stets präsenten Epos eignen sich die „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ besser als Gute-Nacht-Geschichten für kleine Kinder, denn „Der Herr der Ringe“. Sie sind märchenhafter und vor allem kürzer. Allerdings erreichen sie gleichzeitig nie die Tiefe des großen Fantasy-Romans. Das liegt nicht nur an der Länge, sondern auch daran, dass es darin nie um Leben und Tod geht – dafür sind die einzelnen Geschichten zu märchenhaft. Stets meint man, das Ende schon zu kennen.

Eine Leseempfehlung sind diese Geschichten dennoch. Man ahnt zwar das Ende, aber nicht die wirklich fantasievollen Wirrungen, die einem bis dahin begegnen. Wenn bei „Der Herr der Ringe“ die Geschichte den Leser fesselt, dann ist es bei den „Geschichten aus dem gefährlichen Königreich“ die fantasievolle und bildreiche Art wie Tolkien erzählt, die den Leser weiter lesen lässt.

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