18. Oktober 2021

Sei es dir wert, wenig zu besitzen

Fortin, Cary Telander / Quilici, Kyle Louise: Simplify your home. Der Minimalismus-Praxisguide, Knesebeck, München 2018

Heute gilt die Maxime, je freier, desto besser. Das ist verständlich, da diese Freiheit gegen Despoten und Diktatoren sowie Fürsten und Geistliche hart erkämpft wurde. Allerdings geht diese Freiheit in einer Konsum- und Überflussgesellschaft über in „wer die Wahl hat, hat die Qual“. Tatsächlich sind nicht wenige Menschen mit der völlig freien Wahl überfordert und darum unzufrieden. Denn je größer die Wahlmöglichkeiten sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das Falsche, zumindest aber nicht das Richtige zu wählen. Eine Wahl zu haben ist befreiend, zu viel Auswahl dagegen schränkt ein.

Dass wir belastend viel Auswahl in unseren Haushalten haben, in unseren Küchen, Schlafzimmern und Hobbyräumen, haben sich die Autorinnen Cary Telander Fortin und Kyle Louise Quilici zum Anlass genommen, das Buch „Simplify your home“ zu schreiben. Darin geht es um den Mythos der freien Wahl und warum eine Trennung vom Überfluss sinnvoll ist.

Belastend viel Auswahl – weniger ist mehr

Der grundlegende Gedanke des Buchs kann in einem Sprichwort zusammengefasst werden: „weniger ist mehr“. Die Autorinnen bezeichnen diesen Gedanken als neuen Minimalismus. Der Besitz von zu vielen Dingen ist belastend, weil wir nicht nur besitzen, sondern auch besessen werden. Zweifellos hat Besitz eine psychologische Komponente. Immerhin behandeln wir Dinge auch als Ausdruck der eigenen Identität: mein Auto, mein Handy und so weiter. Dinge bieten mal Sicherheit, mal Erinnerung, mal sind sie Ausdruck einer Sammelleidenschaft. Da sich diese verschiedenen Komponenten überlagern, behindern oder gar gegenseitig ausschließen, führt das Aussortieren nicht nur zu mehr Platz in der Wohnung, sondern auch zu mehr Klarheit im eigenen Leben. Dieser Gedanke ist zwar nicht neu, aber die Autorinnen formulieren ihn überzeugend.

„Dieser große Reset bedeutet weder eine Art von Selbstgeißelung oder Askese, noch ist er Anlass zu tiefem Leid. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es ist, als schöpftest du das Fett ab oder entferntest alles Überflüssige, sodass all das, was gebraucht, genutzt und geliebt wird, plötzlich den Platz bekommt, den es verdient.“

Fortin, Cary Telander / Quilici, Kyle Louise: Simplify your home. Der Minimalismus-Praxisguide, Knesebeck, München 2018, Seite 16.

Gegen vermeintliche Sicherheit

Der neue Minimalismus hat Anteile von Umweltschutz (wer weniger konsumiert, belastet die Umwelt weniger), Achtsamkeit (was benötige ich wirklich für ein gelingendes Leben) und Selbstliebe (wenn ich weniger Dinge besitze, habe ich mehr Zeit für mich, weil keine anderen Dinge im Weg sind). Die Lösung lautet: Sei es dir wert, wenig zu besitzen.

Sieben Tipps für die nicht ganz so einfache Praxis des Aussortierens

Findling
Findling

Es gibt also gute Gründe, weniger zu besitzen, man muss es bloß noch in die Praxis umsetzen. Eine Kleinigkeit, an der man wunderbar scheitern kann.

Fortin und Quilici haben darum verschiedene Tipps zusammengestellt, die beim Aussortieren helfen sollen.

Tipp 1: Du lebst heute. Horte keine Gegenstände für die Zukunft, da sie deine Gegenwart blockieren. Wenn man an einen Gegenstand denkt und seine Sätze mit „ich könnte“ oder „ich sollte“ beginnt, ist dies ein Zeichen dafür, dass der Gegenstand aussortiert gehört.

Tipp 2: Kein Festhalten an alten Werten: Unser innerer Buchhalter sagt, das Weggeben von Gegenständen kostet Geld, weil man eben solches bei der Anschaffung ausgegeben hat. Obwohl ein Gegenstand für den Besitzer keinen Nutzen mehr hat, wird ihm darum dennoch ein Wert zugeschrieben (was durchaus gerechtfertigt sein kann). In der Praxis kostet das Behalten jedoch deutlich mehr. Dinge erfordern Zeit, Arbeit und Aufmerksamkeit, die bei anderen, wichtigeren Sachen fehlen. Außerdem hat man das Geld auch dann noch ausgegeben, wenn man den Gegenstand behält.

Tipp 3. Freiräume zur persönlichen Entfaltung schaffen: Wenig zu besitzen gibt den Freiraum, sich selbst zu entfalten. Wer zu Hause eine Gitarre, ein Klavier und ein Saxophon, wer daneben eine Staffelei, einen Webrahmen und ein Filzset sowie Tennisschläger, Inlineskates und einen Basketball hat, wer außerdem umfangreiche Küchenuntensilien, Kochbücher und viele weitere Dinge hat, dem stehen alle Wege oder Möglichkeiten offen – bloß am Ende wird keine richtig genutzt.

Tipp 4: Dinge bewusst nutzen: Wenn man weiß, was man nicht besitzt, nutzt man viel bewusster, was man besitzt. Alles andere kann man bei Freunden oder Nachbarn ausleihen und so in Kontakt kommen.

Tipp 5: Der Landeplatz. Um unnötiges Suchen zu vermeiden, sollte man für jeden Gegenstand einen einzigen Ablageplatz haben. Dort „landet“ der Gegenstand einfach immer. Es lohnt sich entsprechende Routinen einzurichten.

Tipp 6: Diese Schublade ist voll. Voll ist eine Schublade dann, wenn man jeden Gegenstand darin leicht sehen und greifen kann, nicht, wenn nichts weiteres mehr hinein passt.

Im Prinzip geht es bei allen Tipps darum neue Gewohnheiten zu etablieren. Unsere alten Gewohnheiten sind darauf ausgerichtet, Besitz anzuhäufen und zu verwalten. Die Gewohnheiten des Neuen Minimalismus führen von einem „zuviel“ zum „genug“. Die neue Gewohnheit ist dann nicht mehr schwierig, sondern eine Entlastung.

Trennung in Dankbarkeit statt mit Schuld und Trauer

Vielen geht es beim Aussortieren so, dass sie Schuld empfinden. Schuld gegenüber Gegenständen, die einen emotionalen Wert besitzen, Schuld gegenüber Gegenständen, die Erinnerungen in sich tragen oder die für viel Geld gekauft wurden und ihre Funktion eigentlich noch erfüllen (auch wenn man sie nicht mehr braucht).

Dankbarkeit ist der Weg, dieser Schuld zu begegnen. Man kann dankbar sein, dass der Gegenstand bald in einem anderen Haushalt seine Funktion erfüllt, man kann dankbar sein, dass der aussortierte Gegenstand den Blick freigibt auf die verbleibenden Gegenstände. Man ist dankbar, dass sich das eigene Leben lichtet und man nicht länger zuviel hat, sondern schlicht genug. Der Gegenstand behält seinen Wert, bloß für einen anderen Menschen.

Fazit

Insgesamt ist „Simplify your home“ ein gut geschriebenes Buch mit vielen hilfreichen Ansätzen. Die darin vertretene Haltung des neuen Minimalismus ist für nahezu alle Menschen relevant, jedem tut ein wenig Entschlackung gut. Denn letztlich ist Aussortieren genau das: eine Diät, die zu einem fokussierten Geist und mehr Lebensqualität führt. Das trifft übrigens auch auf Inhalte zu: wer die Wahl hat, hat die Qual und darum gilt: weniger ist mehr.

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