{"id":921,"date":"2018-10-14T18:26:30","date_gmt":"2018-10-14T16:26:30","guid":{"rendered":"http:\/\/buchtaleck.eu\/?p=921"},"modified":"2018-10-14T18:30:53","modified_gmt":"2018-10-14T16:30:53","slug":"was-vom-dorf-zu-sagen-waere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buchtaleck.eu\/?p=921","title":{"rendered":"Was vom Dorf zu sagen w\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Henkel, Gerhard: Das Dorf. Landleben in Deutschland \u2013 gestern und heute, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2012<\/em><br \/>\n<a title=\"Schlepzig (Spreewald)\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/143156308@N06\/36208640834\/in\/dateposted-public\/\" data-flickr-embed=\"true\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4393\/36208640834_7a892584a2_b.jpg\" alt=\"Schlepzig (Spreewald)\" width=\"1024\" height=\"768\" \/><\/a><script async src=\"\/\/embedr.flickr.com\/assets\/client-code.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\u00a0<em>Schlepzig (Spreewald)<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber das Leben im Dorf l\u00e4sst sich nur etwas sagen, wenn man gleichzeitig etwas \u00fcber das Leben in der Stadt sagt. Diese Annahme legt zumindest das Buch \u201eDas Dorf\u201c von Gerhard Henkel nahe. Als w\u00e4re die reine Selbstbeschreibung ein blinder Fleck, weil man ohne passenden Rahmen das Festgestellte nicht einzuordnen wei\u00df. Das Dorf ist ohne die Stadt nicht zu verstehen wie die Stadt nicht ohne das Dorf zu verstehen ist. Meist verteidigen die Protagonisten dieser Auseinandersetzung weniger die Stadt oder das Dorf an sich und mehr ihre eigenen Lebensentw\u00fcrfe. Wer sich f\u00fcr die Stadt entscheidet, der findet Gr\u00fcnde gegen das Dorf und wer sich f\u00fcr das Dorf entschieden hat, der wei\u00df, warum er nicht in der Stadt leben kann.<\/p>\n<p>Etwas Richtung in diesen Grabenkampf soll das Buch \u201eDas Dorf\u201c von Gerhard Henkel bringen. Diese Absicht schl\u00e4gt jedoch fehl.<!--more--><\/p>\n<h4>Das Bild vom gem\u00e4chlichen, geruhsamen Dorfleben\u2026<\/h4>\n<p>Henkel entwickelt auf rund 340 Seiten ein Bild vom gem\u00e4chlichen Dorf, in dem Werte wie Familie, Nachbarschaft, Naturn\u00e4he und Tradition bewahrt werden, ein Dorf als Gegenst\u00fcck zum schnellen, anonymen und un\u00fcbersichtlichen Leben in der Stadt.<\/p>\n<p>\u201eL\u00e4ndliche Lebensstile sind natur- und traditionsorientiert, haus- und familienorientiert, nachhaltigkeits- und handlungsorientiert. Ruhe und Entschleunigung, Ehrenamt sowie konkretes lokales Denken und Handeln spielen wichtige Rollen. Durch seine Naturn\u00e4he bietet das Dorf in Feld, Wald und Garten eine unmittelbare Chance der Erholung, Entspannung, Freizeitnutzung und k\u00f6rperlichen Bet\u00e4tigung.\u201c<\/p>\n<p>In der Darstellung schwingt der Stolz mit, dass das Dorf Landwirte hat, die auch die Stadt mit ern\u00e4hren. \u201eDas Dorf vor 200 Jahren war (\u2026) wirtschaftlich weitgehend selbst\u00e4ndig.\u201c Indem Henkel diesen Stolz ungebrochen vortr\u00e4gt, bezieht er Position und verl\u00e4sst das Territorium der Neutralit\u00e4t. Dabei ist die vertretene Position \u00fcberaus angreifbar.<\/p>\n<h4>\u2026 ist ein Idealbild<\/h4>\n<p>Denn heute \u00fcberwiegt, was als \u201eAuspendeln\u201c bezeichnet wird. Die Menschen leben zwar in ihrem Dorf, aber die Mehrzahl der Arbeitst\u00e4tigen f\u00e4hrt morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Tradition, Familie und Naturn\u00e4he werden zur Feierabendbesch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Heute ist au\u00dferdem die wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit weitgehend verschwunden \u2013 insbesondere wenn man Fernreisen, Autos, das Internet und viele weitere Beispiele als Teile der modernen Wirtschaft betrachtet. Nichts davon k\u00f6nnte alleine von einem Dorf geleistet werden. Doch dar\u00fcber verliert Henkel kein Wort. Autonomie hei\u00dft bei Henkel, dass Brot, Milch und andere Lebensmittel vor Ort produziert werden k\u00f6nnen. Woher der Traktor kommt, woher der Diesel f\u00fcr den Traktor kommt, woher das Saatgut kommt, all dies blendet er aus.<\/p>\n<h4>Sehr umfassende, detailreiche Darstellung des Landlebens<\/h4>\n<p>Das Buch wird durch zahlreiche Abbildungen illustriert und hat die Gr\u00f6\u00dfe eines Bildbandes, insofern gibt es mehr zu lesen, als man bei 340 Seiten annimmt. Es behandelt den historischen Wandel von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft ab 1800 und den enormen gesellschaftlichen Wandel nach dem zweiten Weltkrieg. Es berichtet aber auch von den Vereinen, der politischen Arbeit, der Anlage und Neuanlage von Stra\u00dfen und von allem Weiteren. Entsprechend pr\u00e4zisiert der Untertitel: \u201eLandleben in Deutschland \u2013 gestern und heute\u201c.<\/p>\n<h4>Einseitige Betrachtung macht das Lesen zunehmend l\u00e4stig<\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><a title=\"84453 M\u00fchldorf - Der Wall\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/143156308@N06\/45100375612\/in\/dateposted-public\/\" data-flickr-embed=\"true\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm2.staticflickr.com\/1980\/45100375612_9efbe7f3a2_b.jpg\" alt=\"84453 M\u00fchldorf - Der Wall\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><\/a><script async src=\"\/\/embedr.flickr.com\/assets\/client-code.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\u00a0<em>84453 M\u00fchldorf &#8211; Der Wall<\/em><\/p>\n<p>Wiederholt betont Henkel \u2013 und zwar je weiter das Buch voran schreitet, desto h\u00e4ufiger \u2013 den sozialen Zusammenhalt, Traditionen, Familie und Naturverbundenheit als St\u00e4rken des Landlebens. Aber er geht nicht darauf ein, dass diese Werte dazu f\u00fchren, dass das Land konservativer ist, mancher w\u00fcrde gar von einer geistigen Enge sprechen, die man in kleinen D\u00f6rfern erleben kann. Zum Beispiel <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/politik\/stadt-land-frust_aid-21003785\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">w\u00e4hlt die Landbev\u00f6lkerung nach einer Studie bei politischen Wahlen wohl deutlich konservativer und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter als Stadtbewohner<\/a>. Diesen zentralen Aspekt des sozialen Miteinanders, was auch als soziale Kontrolle wahrgenommen werden kann, als einseitig positiv darzustellen, ist fahrl\u00e4ssig. Es ist wie ein riesiger, blinder, schwarzer Fleck in dem sonst so akkuraten, detailreichen Buch.<\/p>\n<p>So aber liest sich das Buch mit zunehmender L\u00e4nge wie eine schlecht versteckte Lobhudelei. Aber auch schon zuvor, wenn es um die Infrastruktur geht, ist die Behauptung, dass sie in Stadt und Land gleichwertig sind, nur nachvollziehbar, wenn man die Infrastruktur so auslegt, wie Henkel es tut: \u201eWasser, Energie, Verkehrswesen, Datennetzen, Post\u00e4mtern, Schulen, Krankenh\u00e4usern, Sportpl\u00e4tzen, Turnhallen und nicht zuletzt mit L\u00e4den und Gasth\u00f6fen\u201c. Es fehlen Theater, Literaturh\u00e4user, Stiftungen und Universit\u00e4ten mit Vortragsangeboten und nat\u00fcrlich Abend- und Nachtangebote, die mehr sind als Gro\u00dfraumdisko. Es fehlt au\u00dferdem die Industrie, die leistungsf\u00e4hig genug ist, um Autos, Computer, Handys, Fernsehsendungen, K\u00fchlschr\u00e4nke und viele weitere Annehmlichkeiten zu fertigen. In der Einseitigkeit ist das Buch als fehlsichtig einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<h4>Nostalgisches hineinversehnen<\/h4>\n<p>Letztlich soll es nat\u00fcrlich nicht darum gehen, das Dorf gegen die Stadt auszuspielen oder anders herum. Aber das Buch kann eine Korrektur vertragen, da es einseitig ist. Es ist voller Nostalgie, in die man sich hineinversehnen mag, die jedoch letztlich in unserer hochtechnisierten und stark arbeitsteiligen Welt so nicht haltbar ist.<\/p>\n<p>Denn am Ende entscheidet sich die Frage, ob Stadt oder Land, an den Bed\u00fcrfnissen, die der Einzelne gerade hat, an seinem Selbstbild und dem verfolgten Lebensentwurf \u2013 sucht er Ruhe oder Aufregung, Tradition oder Fortschritt? Entsprechend kann die soziale N\u00e4he des Dorfes ebenso als Geborgenheit wie als Kontrolle und Zwang empfunden werden. Gleichzeitig ein aufregendes und ruhiges, ein fortschrittliches und traditionelles Leben zu leben ist genauso m\u00f6glich wie ein monogames und ein polygames Leben. Man kann beides haben, nur eben nicht zur gleichen Zeit. F\u00fcr diese Haltung ist in dem Buch \u201eDas Dorf\u201c kein Raum. Dies ist umso erstaunlicher als dass sich die eigenen Bed\u00fcrfnisse mit jedem Lebensabschnitt \u00e4ndern k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p style=\"text-align: right;\"><a title=\"Winterfreuden\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/143156308@N06\/32027118391\/in\/dateposted-public\/\" data-flickr-embed=\"true\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm1.staticflickr.com\/377\/32027118391_05b3342b15_b.jpg\" alt=\"Winterfreuden\" width=\"1024\" height=\"768\" \/><\/a><script async src=\"\/\/embedr.flickr.com\/assets\/client-code.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\u00a0<em>Winterfreuden<\/em><\/p>\n<p>Insgesamt ist das Buch dann empfehlenswerte Lekt\u00fcre, wenn man sich der einseitigen Darstellung bewusst ist und Lust auf eine detailreiche, leicht nostalgische Perspektive hat. Das Dorf, von dem Henkel spricht, d\u00fcrfte sich n\u00e4mlich etwa im Jahr 1850 bewegen, in jedem Fall vor der Industrialisierung. Bis zur Industrialisierung war jedes Dorf so ausgestattet, dass es komplett autonom leben konnte, \u201e\u00f6konomische Selbstversorgung\u201c ist der Begriff, den Henkel verwendet. Es gab nicht nur eine funktionierende Land- und Forstwirtschaft, sondern auch d\u00f6rfliches Handwerk. Alle notwendigen Ressourcen waren vorhanden und konnten selbst verwendet werden. Dies klingt nach hervorragenden Zust\u00e4nden, wenn man es mit der Ausstattung heutiger D\u00f6rfer vergleicht. Denn seit Beginn der Industrialisierung hat sich quasi alles ver\u00e4ndert. Die Mobilit\u00e4t und vor allem die Geschwindigkeit derselben hat enorm zugenommen. Die Arbeitsteilung hat ebenso enorm zugenommen und die Zeit, die man in Form von Arbeit zum Lebensunterhalt aufwenden musste \u2013 das schreibt Henkel allerdings nicht \u2013 hat enorm abgenommen.<\/p>\n<p>Bei all der Ver\u00e4nderung verwundert Henkels Dichotomie zwischen Stadt und Land, fast scheint es, als trage er blo\u00df eine alte Folklore von Traditionsbewusstsein, Naturn\u00e4he und Familienzusammenhalt vor. Eine alte Folklore, die zwar noch nachklingt, aber nur bis an den Rand des Dorfes, dann sind die Auspendler gedanklich schon l\u00e4ngst in der n\u00e4chsten Stadt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henkel, Gerhard: Das Dorf. 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