{"id":788,"date":"2018-03-02T06:14:32","date_gmt":"2018-03-02T05:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/buchtaleck.eu\/?p=788"},"modified":"2018-03-02T06:14:32","modified_gmt":"2018-03-02T05:14:32","slug":"alles-beginnt-und-endet-im-branntwein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buchtaleck.eu\/?p=788","title":{"rendered":"Alles beginnt und endet im Branntwein"},"content":{"rendered":"<p><em>Buchbesprechung: John Steinbeck \u2013 Tortilla Flat (1935)<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Tortilla-Flat-Bibliothek-Band-40\/dp\/3937793380\/ref=as_li_ss_il?ie=UTF8&amp;qid=1519966602&amp;sr=8-3&amp;keywords=Steinbeck+%E2%80%93+Tortilla+Flat&amp;dpID=2119A4PVRJL&amp;preST=_BO1,204,203,200_QL40_&amp;dpSrc=srch&amp;linkCode=li3&amp;tag=bastianbuchta-21&amp;linkId=a82972ac74aee7297424952c0fbda874\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;ASIN=3937793380&amp;Format=_SL250_&amp;ID=AsinImage&amp;MarketPlace=DE&amp;ServiceVersion=20070822&amp;WS=1&amp;tag=bastianbuchta-21\" border=\"0\" \/><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"https:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=bastianbuchta-21&amp;l=li3&amp;o=3&amp;a=3937793380\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/>Im Mittelpunkt des Buchs \u201eTortilla Flat\u201c von John Steinbeck steht die Lebensweise der Freunde Danny, Pilon, Big Joe, Pablo und Jesus Maria. Sie alle leben in der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg im milden kalifornischen Klima ein zwar nicht sorgenfreies, aber doch sorgloses Leben. Sie sind allesamt mittellose Au\u00dfenseiter, wegen ihrer Herkunft Paisanos genannt. Sie sind nicht nur mittellos, sie sind arbeitslos, Nichtsnutze, faul \u2013 kurz, sie sind in ihrer Lebenshaltung der westlichen Leistungsgesellschaft v\u00f6llig fremd. Besitz, interessiert sie nicht. Sie leben in den Tag und von der Hand in den Mund. Ihr gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck besteht in einer Gallone Branntwein.<\/p>\n<p>Zumindest die Mittellosigkeit \u00e4ndert sich, als Danny zwei H\u00e4uschen, eher bessere H\u00fctten, erbt. Damit gilt er als reich. Bald brennt das erste Haus ab, in dem er seine Freunde f\u00fcr eine Miete wohnen lie\u00df, die sie nie bezahlten und die er nie wirklich erwartet ab. Dann wohnen sie alle gemeinsam in Dannys Haus auf Tortilla Flat. F\u00fcr die Freunde ist das Haus das Zentrum ihrer Freundschaft und f\u00fcr den Roman ist es der Ausgangspunkt f\u00fcr allerlei Schelmereien.<!--more--><\/p>\n<h4>Erst kommt das Fressen, dann die Moral<\/h4>\n<p>Denn in weiten Teilen ist \u201eTortilla Flat\u201c ein Schelmenroman, was man nicht nur am Inhalt erf\u00e4hrt, sondern auch an den einzelnen Kapiteln ablesen kann, die wie abgeschlossene Episoden aufgebaut sind. H\u00e4ufig wirken die Freunde t\u00f6lpelhaft, wie gro\u00dfe Kinder, und erinnern damit an den Taugenichts von Eichendorff oder an den Schabernack, den Till Eulenspiegel verbreitet.<\/p>\n<p>Wie sonst k\u00f6nnte man erkl\u00e4ren, dass sich keine der Figuren bem\u00fcht Geld zu verdienen oder \u00fcberhaupt irgendwie Besitz anzuh\u00e4ufen. Zum Gl\u00fcck reicht \u201edas t\u00e4gliche Speisungswunder\u201c. Dies bedeutet, dass irgendwer immer irgendwas zum Essen hat und auch ein wenig Branntwein, der \u2013 wenn auch widerwillig \u2013 geteilt wird. Satt und trunken, welch Wunder, werden die Freunde immer.<\/p>\n<p>Im Fall von \u201eTortilla Flat\u201c stimmt Brechts Aphorismus, \u201eerst kommt das Fressen und dann die Moral\u201c, nur bedingt. Denn selbst wenn die Paisanos etwas zu Essen haben, werden sie nicht moralisch. Sie scheren sich nicht um Besitz, Miete und Schulden und auch nicht um Moral. Eine Moral zu besitzen, w\u00fcrde die Paisanos nur belasten. Ihr Handeln richten sie nicht nach allgemeinen Gesetzen aus, sondern daran, dass sie m\u00f6glichst nicht aus ihrer Gesellschaft bzw. Gruppe hinausgeworfen werden. Nicht ein abstrakter Rechtsstaat ist der Ma\u00dfstab f\u00fcr das eigene Handeln, sondern die freundschaftliche Gemeinschaft. Darin ist vieles erlaubt, was heute verboten oder zumindest verp\u00f6nt ist: Diebstahl, Pr\u00fcgel, Betrug, Frauen und immer wieder Branntwein.<\/p>\n<p>Die Freunde versuchen erst gar nicht Versuchungen zu widerstehen. Dem Leser ist dies fremd und darum ist es als eine m\u00f6gliche Alternative besonders reizvoll.<\/p>\n<h4>Tausend kleine Ausfl\u00fcchte<\/h4>\n<p>Wie aber begr\u00fcndet man sein Handeln, wenn man wenig moralisch handelt?<\/p>\n<p>Die Paisanos entwickeln hierbei stets neue Gedankengeb\u00e4ude, die ihre teilweise sch\u00e4ndlichen Handlungen begr\u00fcnden. Diese Gedankengeb\u00e4ude sind ein wichtiger Teil ihres Lebens. Mit ihnen begr\u00fcnden sie, wenn sie sich etwas nehmen, was ihnen eigentlich nicht zusteht. Wenn sie zum Beispiel dem Pirat genannten Mann, der in tiefster Armut lebt, seinen kleinen Goldschatz rauben, dann nur, um dem Piraten neue Kleider und etwas ordentliches zu Essen zu kaufen. Sie sagen, er selbst w\u00fcrde das nicht f\u00fcr sich tun, also m\u00fcssten sie als seine Freunde f\u00fcr ihn handeln. Nat\u00fcrlich f\u00e4llt dabei als Lohn ein wenig Branntwein ab, der aus dem Schatz des Piraten finanziert wird. Wenn Besitz belastend ist, dann ist es eine gute Tat, jemand Besitzendem diese Last abzunehmen \u2013 solche Gedankengeb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Warum funktioniert das eigentlich? Es liegt an dem Ort und an der Lebensweise der Paisanos. \u201eHochbegl\u00fcckt ri\u00df sich die Seele von Tortilla Flat von allen Fesseln los und erhob sich in ekstatischer Einigkeit in alle L\u00fcfte. Es wurde so heftig getanzt, dass der Fu\u00dfboden in einer Ecke nachgab. Die Akkordeons spielten so laut, dass sie nachher vom Winde zerbrochen waren, wie erlahmte Pferde.\u201c Wer nichts hat, au\u00dfer seine Freunde und sich, der lebt ein volles Leben mit seinen Freunden.<\/p>\n<h4>Ohne Besitz kein Statusdenken<\/h4>\n<p>Als einer der Freunde seiner Angebeteten einen Staubsauger schenkt, zeigt sich, wie Besitz ver\u00e4ndert \u201eDie Manieren verfeinerten sich, um der Besitzerin eines Staubsaugers w\u00fcrdig zu sein, und sie trug ihr Kinn so hoch, wie es sich f\u00fcr eine solche Person geh\u00f6rte.\u201c Damit schafft sie sich unter den vielen gleich Besitzlosen Bewunderer und Neider, selbst wenn sie keinen Strom hat, um den Staubsauger \u00fcberhaupt zu nutzen. Sie f\u00e4hrt mit ihrem funktionslosen Staubsauger durch ihre H\u00fctte, um zu f\u00fchlen, wie es sein k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich nur so lange, bis Danny und seine Freunde kommen, um sie aus der sozialen Isolation zu retten, indem sie den Staubsauger klauen. Der Lohn f\u00fcr diese Rettungstat ist die eine oder andere Gallone Branntwein.<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht w\u00fcrde man die Figuren als \u201efaule Lumpen\u201c bezeichnen. Aus der Sicht von Steinbeck spricht scheinbar nichts dagegen, dass sie sich so verhalten, wie sie es tun. Sie entstammen einer gesellschaftlichen Ordnung, in der andere Werte als Besitz und Privatsph\u00e4re als erstrebenswert gelten. Das Unerh\u00f6rte ist jedoch, dass die Freunde trotz bitterer Armut wahrscheinlich gl\u00fccklicher sind als heute die meisten Menschen in der Wohlstandsgesellschaft. Es gibt ja hinreichend Studien, die festgestellt haben, dass mehr Wohlstand nicht automatisch mehr Gl\u00fcck bedeutet. Ja, die Begleitumst\u00e4nde (Stress, Druck auf der Arbeit und lange Arbeitszeiten, sozialer Vergleich) k\u00f6nnen sogar ins Gegenteil umschlagen. Besitz kann belasten, besonders wenn der Nachbar noch mehr besitzt.<\/p>\n<p>Letztlich erz\u00e4hlt \u201eTortilla Flat\u201c von einer Zeit und einer Gesellschaft, die noch anderen Regeln gehorchte. \u201eDas Leben um sie herum nahm wieder Form an \u2013 die gleiche Form wie am Tag zuvor und wie es morgen sein w\u00fcrde.\u201c Es gibt nichts zu erreichen, weil sich die Dinge wiederholen. Man muss nichts erreichen, weil man auch so gl\u00fccklich ist. Man sollte nichts erreichen, weil Besitz einen aus der Freundschaft von Besitzlosen herausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Den Roman &#8222;Tortilla Flat&#8220; <a href=\"http:\/\/amzn.to\/2F8ti8T\">bei Amazon bestellen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechung: John Steinbeck \u2013 Tortilla Flat (1935) Im Mittelpunkt des Buchs \u201eTortilla Flat\u201c von John Steinbeck steht die Lebensweise der Freunde Danny, Pilon, Big Joe, &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":790,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[26,48],"tags":[69,30,952,55,643,953,10,56,950,576,954,951],"class_list":["post-788","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-meinung","category-ueber-buecher","tag-besprechung","tag-buch","tag-kalifornien","tag-literatur","tag-literaturklassiker","tag-paisano","tag-rezension","tag-roman","tag-steinbeck","tag-sz","tag-sz_bibliothek","tag-tortillaflat"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/buchtaleck.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/steinbeck-tortilla-flat.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8Tjhp-cI","jetpack-related-posts":[{"id":134,"url":"https:\/\/buchtaleck.eu\/?p=134","url_meta":{"origin":788,"position":0},"title":"Filme sehen kann man lernen","author":"bbuchtaleck","date":"23. 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