Aspekte: Beziehung I

Sie sind schon lange zusammen. Das kann man weithin sehen. Der angenäherte, nicht gute Kleidungsstil. Die Art, wie sie untereinander Blicke austauschen, vermeiden. Der eine Schritt, den der Mann voraus ist, ohne Eile, im Wissen, dass sie folgen wird.

Dazu die Art, wie sie ihre Hand nur leicht in Richtung seines Rückens hebt, dabei knapp seine Hüfte verpasst und er zeitgleich den Arm winkelt, dass sie ein- und untergehakt flanieren können. Nicht ist notwendig, diese eingespielten Bewegungen zu verfolgen.

Aber es sind alte Bewegungen, sie sind unbequem geworden. Sie gehen nur drei Schritte, die Frau ist dem Mann Last, er enteilt ihr. Die Arme sinken.

Wie tausendfach geübt, suchen sich die Hände. Finger ertasten Handinnenflächen und Handrücken. Finger fahren gewohnte Bahnen, auch wenn es scheint, als seien die Finger des anderen plötzlich mit fünf statt mit drei Gelenken ausgestattet.

Schließlich finden fünf Finger fünf Finger und zwei Hände vereinen sich zu einem Ballen. Ihre oben auf seiner. Seine auf ihrer. Dann beide irgendwie seitlich und auch eher flach aneinander gepresst. Mehr wie zwei Herdplatten oder auch wie Frisbees. Das kann nicht halten.

Sie verlieren sich, nutzen die neue Freiheit. Die Hände kraulen sich den Rücken des anderen hoch. Setzen weit oberhalb des Steiß auf, dort, wo die Wirbelsäule schon stark und tragend ist und man zu Recht die Nieren vermutet. Keinen halben Handbreit gleitet ihre Hand nach oben, setzt sich kurz fest, und streicht seinen Körper entlang zur Seite hin, bis ihre Hand und ihr Arm von seinem Rücken so weit Besitz ergriffen haben, dass sich beider Hüften eigentlich berühren müssten.

Er kam ein wenig hinterher mit seinem Arm, so als könnten sie nicht gleichzeitig sein. Er kreuzt ihren Ellbogen und landet schnell auf dem Rücken. Flüchtig umgeht er die kräftige Muskulatur, überfliegt beinahe die Schulterblätter und hat gar kein Gefühl für den verspannten Nacken, auf dem der Unterarm schwer zu liegen kommt.

Sie löst sich behend, leichter als notwendig, springt zwei Treppenstufen nach oben – die einzigen beiden in weiter Umgebung –, während er, wahrscheinlich belastet durch die schlängelnde Suche seines Arms, langsam folgend, beinahe stolpernd um sein Gleichgewicht ringt und den Kontakt zu ihr verliert. Sie sehen sich an. Es geht weiter.


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