Was vom Dorf zu sagen wäre

Henkel, Gerhard: Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2012
Schlepzig (Spreewald) Schlepzig (Spreewald)

Über das Leben im Dorf lässt sich nur etwas sagen, wenn man gleichzeitig etwas über das Leben in der Stadt sagt. Diese Annahme legt zumindest das Buch „Das Dorf“ von Gerhard Henkel nahe. Als wäre die reine Selbstbeschreibung ein blinder Fleck, weil man ohne passenden Rahmen das Festgestellte nicht einzuordnen weiß. Das Dorf ist ohne die Stadt nicht zu verstehen wie die Stadt nicht ohne das Dorf zu verstehen ist. Meist verteidigen die Protagonisten dieser Auseinandersetzung weniger die Stadt oder das Dorf an sich und mehr ihre eigenen Lebensentwürfe. Wer sich für die Stadt entscheidet, der findet Gründe gegen das Dorf und wer sich für das Dorf entschieden hat, der weiß, warum er nicht in der Stadt leben kann.

Etwas Richtung in diesen Grabenkampf soll das Buch „Das Dorf“ von Gerhard Henkel bringen. Diese Absicht schlägt jedoch fehl.

Das Bild vom gemächlichen, geruhsamen Dorfleben…

Henkel entwickelt auf rund 340 Seiten ein Bild vom gemächlichen Dorf, in dem Werte wie Familie, Nachbarschaft, Naturnähe und Tradition bewahrt werden, ein Dorf als Gegenstück zum schnellen, anonymen und unübersichtlichen Leben in der Stadt.

„Ländliche Lebensstile sind natur- und traditionsorientiert, haus- und familienorientiert, nachhaltigkeits- und handlungsorientiert. Ruhe und Entschleunigung, Ehrenamt sowie konkretes lokales Denken und Handeln spielen wichtige Rollen. Durch seine Naturnähe bietet das Dorf in Feld, Wald und Garten eine unmittelbare Chance der Erholung, Entspannung, Freizeitnutzung und körperlichen Betätigung.“

In der Darstellung schwingt der Stolz mit, dass das Dorf Landwirte hat, die auch die Stadt mit ernähren. „Das Dorf vor 200 Jahren war (…) wirtschaftlich weitgehend selbständig.“ Indem Henkel diesen Stolz ungebrochen vorträgt, bezieht er Position und verlässt das Territorium der Neutralität. Dabei ist die vertretene Position überaus angreifbar.

… ist ein Idealbild

Denn heute überwiegt, was als „Auspendeln“ bezeichnet wird. Die Menschen leben zwar in ihrem Dorf, aber die Mehrzahl der Arbeitstätigen fährt morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Tradition, Familie und Naturnähe werden zur Feierabendbeschäftigung.

Heute ist außerdem die wirtschaftliche Selbständigkeit weitgehend verschwunden – insbesondere wenn man Fernreisen, Autos, das Internet und viele weitere Beispiele als Teile der modernen Wirtschaft betrachtet. Nichts davon könnte alleine von einem Dorf geleistet werden. Doch darüber verliert Henkel kein Wort. Autonomie heißt bei Henkel, dass Brot, Milch und andere Lebensmittel vor Ort produziert werden können. Woher der Traktor kommt, woher der Diesel für den Traktor kommt, woher das Saatgut kommt, all dies blendet er aus.

Sehr umfassende, detailreiche Darstellung des Landlebens

Das Buch wird durch zahlreiche Abbildungen illustriert und hat die Größe eines Bildbandes, insofern gibt es mehr zu lesen, als man bei 340 Seiten annimmt. Es behandelt den historischen Wandel von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft ab 1800 und den enormen gesellschaftlichen Wandel nach dem zweiten Weltkrieg. Es berichtet aber auch von den Vereinen, der politischen Arbeit, der Anlage und Neuanlage von Straßen und von allem Weiteren. Entsprechend präzisiert der Untertitel: „Landleben in Deutschland – gestern und heute“.

Einseitige Betrachtung macht das Lesen zunehmend lästig

84453 Mühldorf - Der Wall 84453 Mühldorf – Der Wall

Wiederholt betont Henkel – und zwar je weiter das Buch voran schreitet, desto häufiger – den sozialen Zusammenhalt, Traditionen, Familie und Naturverbundenheit als Stärken des Landlebens. Aber er geht nicht darauf ein, dass diese Werte dazu führen, dass das Land konservativer ist, mancher würde gar von einer geistigen Enge sprechen, die man in kleinen Dörfern erleben kann. Zum Beispiel wählt die Landbevölkerung nach einer Studie bei politischen Wahlen wohl deutlich konservativer und rückwärtsgewandter als Stadtbewohner. Diesen zentralen Aspekt des sozialen Miteinanders, was auch als soziale Kontrolle wahrgenommen werden kann, als einseitig positiv darzustellen, ist fahrlässig. Es ist wie ein riesiger, blinder, schwarzer Fleck in dem sonst so akkuraten, detailreichen Buch.

So aber liest sich das Buch mit zunehmender Länge wie eine schlecht versteckte Lobhudelei. Aber auch schon zuvor, wenn es um die Infrastruktur geht, ist die Behauptung, dass sie in Stadt und Land gleichwertig sind, nur nachvollziehbar, wenn man die Infrastruktur so auslegt, wie Henkel es tut: „Wasser, Energie, Verkehrswesen, Datennetzen, Postämtern, Schulen, Krankenhäusern, Sportplätzen, Turnhallen und nicht zuletzt mit Läden und Gasthöfen“. Es fehlen Theater, Literaturhäuser, Stiftungen und Universitäten mit Vortragsangeboten und natürlich Abend- und Nachtangebote, die mehr sind als Großraumdisko. Es fehlt außerdem die Industrie, die leistungsfähig genug ist, um Autos, Computer, Handys, Fernsehsendungen, Kühlschränke und viele weitere Annehmlichkeiten zu fertigen. In der Einseitigkeit ist das Buch als fehlsichtig einzuschätzen.

Nostalgisches hineinversehnen

Letztlich soll es natürlich nicht darum gehen, das Dorf gegen die Stadt auszuspielen oder anders herum. Aber das Buch kann eine Korrektur vertragen, da es einseitig ist. Es ist voller Nostalgie, in die man sich hineinversehnen mag, die jedoch letztlich in unserer hochtechnisierten und stark arbeitsteiligen Welt so nicht haltbar ist.

Denn am Ende entscheidet sich die Frage, ob Stadt oder Land, an den Bedürfnissen, die der Einzelne gerade hat, an seinem Selbstbild und dem verfolgten Lebensentwurf – sucht er Ruhe oder Aufregung, Tradition oder Fortschritt? Entsprechend kann die soziale Nähe des Dorfes ebenso als Geborgenheit wie als Kontrolle und Zwang empfunden werden. Gleichzeitig ein aufregendes und ruhiges, ein fortschrittliches und traditionelles Leben zu leben ist genauso möglich wie ein monogames und ein polygames Leben. Man kann beides haben, nur eben nicht zur gleichen Zeit. Für diese Haltung ist in dem Buch „Das Dorf“ kein Raum. Dies ist umso erstaunlicher als dass sich die eigenen Bedürfnisse mit jedem Lebensabschnitt ändern können.

Fazit

Winterfreuden Winterfreuden

Insgesamt ist das Buch dann empfehlenswerte Lektüre, wenn man sich der einseitigen Darstellung bewusst ist und Lust auf eine detailreiche, leicht nostalgische Perspektive hat. Das Dorf, von dem Henkel spricht, dürfte sich nämlich etwa im Jahr 1850 bewegen, in jedem Fall vor der Industrialisierung. Bis zur Industrialisierung war jedes Dorf so ausgestattet, dass es komplett autonom leben konnte, „ökonomische Selbstversorgung“ ist der Begriff, den Henkel verwendet. Es gab nicht nur eine funktionierende Land- und Forstwirtschaft, sondern auch dörfliches Handwerk. Alle notwendigen Ressourcen waren vorhanden und konnten selbst verwendet werden. Dies klingt nach hervorragenden Zuständen, wenn man es mit der Ausstattung heutiger Dörfer vergleicht. Denn seit Beginn der Industrialisierung hat sich quasi alles verändert. Die Mobilität und vor allem die Geschwindigkeit derselben hat enorm zugenommen. Die Arbeitsteilung hat ebenso enorm zugenommen und die Zeit, die man in Form von Arbeit zum Lebensunterhalt aufwenden musste – das schreibt Henkel allerdings nicht – hat enorm abgenommen.

Bei all der Veränderung verwundert Henkels Dichotomie zwischen Stadt und Land, fast scheint es, als trage er bloß eine alte Folklore von Traditionsbewusstsein, Naturnähe und Familienzusammenhalt vor. Eine alte Folklore, die zwar noch nachklingt, aber nur bis an den Rand des Dorfes, dann sind die Auspendler gedanklich schon längst in der nächsten Stadt.

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