Die große Wischbewegung

Filmbesprechung: Minority Report

Der Gedanke, dass Verbrechen verhindert werden können, bevor sie eigentlich geschehen, ist sehr reizvoll. Die Videoüberwachung mit ihrer angeblich abschreckenden Wirkung verspricht, diesen Gedanken einzulösen. Hollywood hat diesen Gedanken schon 2002 weiter gedacht. In dem amerikanischen Sci-Fi-Thriller „Minority Report“ (2002) können Morde vorausgesagt und verhindert werden, bevor sie geschehen.

Die philosophisch-grüblerische Frage, wie man mit den Menschen umgehen soll, die die Schuld eines Verbrechens nicht auf sich geladen haben, weil sie zuvor daran gehindert wurden, ist reizvoll. Ist es die Tat, die schuldig macht oder die Bereitschaft, diese Tat zu begehen? Ab welchem Zeitpunkt ist man schuldig?

Noch immer faszinierend

Die Hauptfigur des Films ist der Polizist John Anderton (Tom Cruise), der im Jahr 2054 in verantwortlicher Position für die noch junge „Precrime“-Abteilung der Washingtoner Polizei arbeitet. Diese Einheit ist für die Verhinderung der Morde verantwortlich. Vorhergesagt werden die Verbrechen von drei sogenannten Precogs (für Precognition, englisch für Vorkenntnis oder Vorausahnung). Geplante Morde sehen sie lange im Voraus, Morde aus Leidenschaft nur kurzfristig. Als Ausgleich für diese übernatürliche Fähigkeit müssen die drei Precogs ihr Leben im Auftrag der Polizei in einer Art Dämmerschlaf in einem modifizierten Brunnen verbringen. Leise plätschert das Wasser um die drei Menschen, die für die Menschheit nur als Medium wichtig sind.

Der Film beginnt mit einen Einsatz der Precrime-Abteilung. Dank Anderton kann einen Mord aus Leidenschaft gerade noch verhindert werden. Der Film zeigt ein Leben ohne Mord, ein wünschenswertes Leben. Nur Anderton selbst kann nicht glücklich werden. Denn sein eigener Sohn ist einem der letzten Morde zum Opfer gefallen, woraufhin er auch seine Frau verloren hat und er sich bis in seine Gegenwart immer wieder in Drogen flüchtet. Das verweigerte private Glück steht im Zentrum der Emotionalisierung.

Noch immer faszinierend an „Minority Report“ ist die Darstellung des „Surfens“ durch die Vorhersagen der Precocs. Die Wischbewegungen mit den Händen und das Aufziehen mit den Fingern erinnern eindeutig an die Bedienung von Smartphones und Tablets. All dies dargestellt in einer Größe, Geschwindigkeit und Sicherheit wie man es selbst gerne könnte. Es ist ein Zukunftsszenario, welches sich teilweise eingelöst hat und bei dem dennoch deutlich Luft nach oben bleibt. Denn während Anderton mit seinen Bewegungen Leben rettet, wischen wir, um per Google Earth in den Vorgarten des Nachbarn zu schauen oder um uns mit kleinen Spielchen die überflüssige Zeit zu vertreiben.

Thriller vor familiären Hintergrund

Abseits von der Schuldfrage und dem Zukunftsszenario ist der Film des Regiegiganten Steven Spielberg hauptsächlich ein Thriller vor familiären Hintergrund – und somit ziemlich banal.

Die Handlung gewinnt an Fahrt, als die Arbeit der Precrime-Einheit durch einen externen Ermittler ausgewertet werden soll. Anderton muss darüber hinaus aus der Einheit fliehen, weil die Precocs einen durch Anderton geplanten Mord erkennen. Das System erhält Risse. Anderton, der keinen Mord plant, soll einen Mord planen?

Es folgt eine Flucht, bei der Anderton die mächtigste der Precogs, Agatha, entführt. Nach und nach werden Ereignisse aus der Vergangenheit aufgedeckt und die Fähigkeiten der Precogs zumindest zum Teil in Frage gestellt. Hierbei entspinnt sich der durchkonstruierte Thriller vor Familienhintergrund. Andertons Frau ist nämlich die Tochter von Andertons ehemaligem Boss Burgess, der wiederum wie ein Vater für Anderton ist. Burgess aber war in einen Mord verwickelt und will seinem Ziehsohn außerdem den nächsten Mord anhängen. Dafür wird Anderton gejagt. Der Film endet mit jeder Menge Familienkitsch, Verrat und Versöhnung. Ohne die Familie als emotionalem Faktor würden die logischen Probleme des Films zu viel Raum einnehmen. Darum ist es notwendig, dass Anderton drogenabhängig ist aufgrund des Verlusts seines Sohnes. Die starken Emotionen einer familiären Tragödie müssen die Löcher in der Logik der Handlung kitten.

Es nagt der Zahn der Zeit

Es handelt sich nicht nur um logische Probleme eines Films, in dem die Zukunft vorausgesagt werden kann. Auf solche Probleme soll gar nicht erst eingegangen werden. Es handelt sich auch um Probleme der filminhärenten Logik. Denn wenn Übervater Burgess seinem Ziehsohn Anderton nicht erst den Mord hätte anhängen wollen, wäre das ganze System einfach weiter gelaufen. Hinzu kommt, dass der Familien-Plot zwar aufwendig durchkonstruiert, aber auch dick aufgetragen ist.

Man merkt, dass der Zahn der Zeit an diesem Film nagt. Wie von einem Hollywoodfilm zu erwarten, wird die spannende Schuldfrage nur angerissen und nicht vertieft. Insofern wurde die Schuldfrage von Hollywood zwar früh gestellt, aber eben nicht beantwortet. Das damals aufregende Science Fiction Setting wirkt heute normaler und so rückt die Familiengeschichte stärker in den Vordergrund als damals, als der Film neu war. Damals hatte „Minority Report“ die Zukunft auf seiner Seite. Sie half über manche Schwächen der Handlung hinweg. Heute drängt die Vergangenheit im Rücken und offenbart eben diese Schwächen. „Minority Report“ ist heute ein Sci-Fi-Thriller ohne Sci-Fi.

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