Wenn es nur BOOM und nicht auch ZOOM macht

Besprechung zur Filmkomödie: Beim ersten Mal

In der amerikanischen Komödie „Beim ersten Mal“ (Knocked Up) gelingt Ben (Seth Rogen) und Alison (Katherine Heigl) beim ersten Mal, worauf manche Paare lange hinarbeiten. Die Moderatorin und Karrierefrau Alison wird beim ersten Sex mit dem leicht übergewichtigen, arbeitslosen und infantilen Ben schwanger, allerdings ungewollt.

Ein solches Setting, welches zwei sehr unterschiedliche Figuren mit Macht aneinander kettet, bezeichnet Sol Stein als Melting Pot. Es bietet die Möglichkeit vom Aufeinandertreffen der (Lebens-)Kulturen und allen damit verbundenen Missverständnissen und Eskalationen, wobei es durch die Schwangerschaft kein Entweichen gibt. Die Gefahr, die bei einem Melting Pot droht, ist, dass er erzwungen wirkt oder sogar unglaubwürdig. In „Beim ersten Mal“ sind die Figuren zu unterschiedlich, um gemeinsam als potentielle Eltern glaubhaft zu sein und darunter leidet die Komödie an vielen Stellen.

Die Figuren: viel Zwist, wenig Zusammenhalt

Gemäß den Regeln des Genres Komödie müssen sich die beiden Figuren bis zum Ende des Films ineinander verliebt haben und ein tolles Elternpaar abgeben. Dies gelingt zwar, denn am Ende lieben sich Alison und Ben, aber glaubwürdig wird es darum nicht.

Ben ist leicht übergewichtig, hat keinen Job und verbringt seine Zeit damit, mit seinen Freunden zu kiffen und eine Webseite zu entwickeln, die alle Filme auflistet, in denen prominente Schauspielerinnen nackt oder teilweise nackt auftreten. Ben ist nicht der Mann, mit dem man ein Kind haben möchte. Ben ist nicht mal ein Mann, mit dem eine Frau wie Alison nüchtern überhaupt verkehren möchte – egal ob gesellschaftlich oder sexuell.

Alison arbeitet als Moderatorin vor der Kamera und ihre Karriere nimmt gerade Fahrt auf. Sie ist schlank, attraktiv, zielstrebig. Sie ist nicht die Frau, mit der man ein Kind haben möchte (zumindest noch nicht). Sie ist aber unbedingt eine Frau, mit der man verkehren möchte – sexuell und gesellschaftlich.

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass ein Mann wie Ben von einer Frau wie Alison träumt. Anders herum kann der Film nie plausibel erzählen, wie es Alison überhaupt mit Ben aushält. So behauptet der Film zwar, es seien Bens Humor und Bens freiheitliche Lebensweise, die Alison ansprechen, aber häufig entsteht der Humor aus Bens kindlicher Weltsicht und die Freiheit nutzt er zum Kiffen und sie führt dazu, dass er nichts besitzt. Letztlich ist er also nicht mal keine gute Partie für Alison, sondern eine richtig schlechte.

Der bindende „Melting Pot Schwangerschaft“ ist heutzutage nicht stark genug, um solch unterschiedliche Figuren glaubwürdig aneinander zu ketten.

Dramaturgie nicht gut proportioniert

So wenig man dem Paar die Beziehung abnimmt, so problematisch ist auch die Dramaturgie des Films. Erst nach 34 Minuten wird die Schwangerschaft festgestellt, also der erste Wendepunkt erreicht, das schaffen andere Filme schneller. Dafür verabreden sich Alison und Ben schon in der 39 Minute zu einem Date, um die Chancen für eine Partnerschaft auszuloten. Schon ab der 46. Minute sind die beiden ein Paar, so dass sie nach nicht einmal der Hälfte des Films erreicht haben, was anderen Figuren im Standardmodell der Komödie erst am Ende gelingt.

Die Dramaturgie des Films ist nicht einfach ungewöhnlich, sie ist nicht zweckmäßig und darum nicht gut.

Ein zentraler Bestandteil des Genres der Liebeskomödie ist, dass die Figuren ein Paar werden.Die Frage des Ob stellt sich nicht. Die Frage des Wie ist entscheidend. Wie werden die unterschiedlichen Figuren nach vielen Schwierigkeiten, über deren Auftreten und Bewältigung der Zuschauer meist herzlich lachen kann, ein Paar? Beide Fragen, das OB und das WIE, sind in „Beim ersten Mal“ viel zu früh geklärt. Ben und Alison versuchen es einfach, trotz aller Unterschiede. Dabei ist es sicher spannender zu schauen, wie die Figuren ein Paar werden, als wie sie sich im Paaralltag schlagen. Der Film vergibt durch die ungewöhnliche und kaum gelungene Dramaturgie viel Potential.

Fazit

Insgesamt „leidet“ der Film darunter, dass das erzwungene Paar doch sehr unterschiedlich ist und man kaum nachvollziehen kann, warum sie sich ihn antut. Natürlich ist der Zuschauer – dem Genre gemäß – recht tolerant bei solchen Unterschieden. Aber in diesem Fall sind die Unterschiede unangemessen. Wenn er nach einem Streit Haschisch raucht oder wenn er und seine Freunde bei einem Telefonat mit ihr gemeinsam vulgäre Gesten machen, dann ist das nicht mehr zum Lachen, sondern ein Fall zum Fremdschämen.

Es fehlt außerdem ein Reifeprozess der Figur des Ben und es bleibt unverständlich, warum Alison dies akzeptiert. In Amerika mag dies teilweise noch akzeptiert werden, in Mitteleuropa ist ein solch wenig emanzipiertes Verhalten in weiten Gesellschaftsschichten hoffentlich nicht mehr denkbar. Bezeichnenderweise ist Ben auch am Ende des Films genauso ohne Arbeit wie zu Beginn – mit dem Unterschied, dass er zu Beginn nur für sich selbst verantwortlich war und auf einem selbst gewählten Lebensstandard leben konnte. Nun muss er auch die Verantwortung für sein Kind übernehmen, was er nicht kann. Unfähig vorher – unfähig nachher.

In manchen Komödien bleibt dem Zuschauer das Lachen sprichwörtlich im Halse stecken. Hier kommt meist nicht mal ein leichtes Lachkribbeln auf, weil es nicht komisch ist. Schade um den schönen Melting Pot.

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