So schön, so wahr, so conditio humana

Wilde, Oscar: Das Bildnis des Dorian Gray

In dem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde wird die conditio humana sehr treffend dargestellt – zumindest jener Menschen, die nicht (oder kaum) für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen und deren Freizeitgestaltung darum einen Großteil ihres Lebensinhalts ausmacht. Was macht den Menschen aus? Wie kann er seine Leidenschaften (Triebe) und seine geistigen (Bildung, Kunst) sowie sozialen Bedürfnisse (Gesellschaft) ausbalancieren? Auf all diese Fragen gibt der Roman Antworten – allerdings werden sie nicht allen gefallen.

Häufig enthält sich der Roman einer Wertung, was als unmoralisch wahrgenommen werden kann.

Schönheit, Leidenschaft und Lebensgier

Unter dem Einfluss des zynischen Lord Henry Wotton verschreibt sich der verführerisch schöne Jüngling Dorian Gray ganz der Schönheit, der Lust, ja der Lebensgier. Hierbei spielt das titelgebende Bildnis des Dorian Gray eine entscheidende Rolle (auf die in diesem Text nicht mehr eingegangen wird).

Gray ist ein sprechender Name und er steht für das Dazwischen. Nicht richtig schlecht, aber auch lange nicht mehr gut, verliert sich Dorian Gray durch das Leben. Nach Wilde geht es darum, dass man das Leben in seiner Gänze nur erfassen kann, wenn man seiner Leidenschaft nachgibt und dem Schönen folgt – auch wenn man sich dabei versündigt. „»Menschen, die treu sind, kennen nur die gemeine Seite der Liebe: Die Treulosen sind es, die die Tragödien der Liebe erfahren«“.

Das Buch ist gesättigt mit Einsichten in das Leben und Aphorismen über das Leben, dazu kommen Schilderungen und Betrachtungen, die die Gesellschaft zur Zeit Wildes darstellen. Der Roman ist voller Kleinode des Denkens, die es zu erlesen gilt.

„In der gemeinen Welt der Tatsachen wurden die Bösen nicht bestraft und die Guten nicht belohnt. Der Erfolg gehörte den Starken, die Schwachen mussten unterliegen, und weiter geschah nichts.“ Was Wilde hier über seine Zeit schreibt, bleibt nicht nur für das 21. Jahrhundert gültig, es ist im globalisierten Kapitalismus noch zutreffender. Es gibt einfach keine ausgleichende Gerechtigkeit, es gibt bloß die Spielregeln des Staats und wer diese für sich zu nutzen weiß, der lebt besser, den bezeichnet man als stark.

Erzähltechnik der Verführung und der Kontraste

Erzählerisch arbeitet Wilde mit Kontrasten, damit, dass vermeintliche Gewissheiten in der nächsten Replik auf den Kopf gestellt werden. Das, was als wahr und moralisch richtig gelten kann, ist dann nicht mehr wahr, sondern heuchlerisch und bigott. Der Leser wird verführt, erst das eine und dann das andere zu glauben. Aus diesem erzählerischen Vorgehen entsteht ein guter Teil der Freude am Lesen. Die Erzählweise könnte auch als Anleitung für das eigene Leben verstanden werden, nicht um es Gray oder Wotton nachzutun, sondern um Abstand zu den eigenen Problemen zu gewinnen und sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Es gibt aber auch lange Passagen, die sich wie auslassende Analysen der Zeit und des Menschen an sich lesen. Diese sind wegen der teilweise treffenden Einsichten interessant und dort, wo diese Einsicht durch den nagenden Zahn der Zeit abhanden gekommen ist, zieht sich die Lektüre in die Länge.

Der Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist mit jedem Recht ein Klassiker der Literatur, weil die Inhalte stets und immer aktuell sind. Wilde hat viele Betrachtung zur allgemeinen Konstitution des Menschen aufgestellt und in dem Buch durchexerziert. Es ist nicht abzusehen, dass das dort geschriebene, je unwahr sein kann.

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