Fake News statt Qualitätsjournalismus: Von wegen Teufelsdreieck!

Ein neues Beispiel von schlechtem Journalismus ist mir zuletzt in dem Artikel Von wegen Teufelsdreieck! im Online-Angebot der Süddeutschen Zeitung begegnet. Der Teaser des Artikels sagt, „seit fast hundert Jahren wird gerätselt, wieso Schiffe und Flugzeuge im Bermudadreieck verschwinden“ und legt somit nahe, dass die Antwort im Artikel gegeben werden wird, zumal der Teaser weiter festhält, „die Erklärungsversuche sind teilweise bizarr.“ Da ein Teaser anlocken soll, geht der Artikel gut los.

Die Erwartungshaltung ist, dass der Artikel ein neues Erklärungsmodell präsentiert und das Rätsel des Bermudadreiecks erhellt.

Alte Geistergeschichten – ungelöst

Tatsächlich werden jedoch nur die alten Geistergeschichten aufgewärmt. Der Artikel umfasst insgesamt 18 Absätze, wobei der erste kurze Absatz nochmal eine Wiederholung des Teasers mit anderen Worten ist. Anschließend werden das mysteriöse Verschwinden der Crew der Mary Celeste (Absätze 2-4), der Mythos des Bermudadreiecks (Absatz 5), das Verschwinden der USS Cyclops im Ersten Weltkrieg (Absätze 6-7), das Verschwinden der Schwesterschiffe Proteus und Nereus im Zweiten Weltkrieg (Absatz 8) sowie das Verschwinden von 5 Torpedo-Bombern im rätselhaften Flug 19 und der erfolglosen Suche danach (Absätze 8-14) wiedergegeben. Ein wenig Mystery-Geschichtsunterricht also. Es folgen zwei weitere Absätze über das Verschwinden von Passagiermaschinen und der Crew einer Vergnügungsjacht sowie dem Unfall zweier Flugzeuge (Absätze 15 und 16).

Eins von 18 ist verdammt wenig

Bis hierhin haben 15 der 18 Absätze nur mysteriöse Fälle von Verschwinden und Unfällen wiederholt. Im vorletzten Absatz gibt der Autor einige Erklärungsansätze wie „tropische Wirbelstürme (…), riesige Monsterwellen oder Blasen aus Methangas“ wieder und verwirft sie sogleich mit dem Hinweis, dass auch Außerirdische infrage kämen. Nach 17 von 18 Absätzen hat der Autor das Versprechen des Teasers noch nicht im Ansatz eingelöst.

Was sind eigentlich Fake News? Sind es bloß Lügen, verdrehte Fakten? Oder sollte man darunter auch Texte fassen, die vorgeben Neuigkeiten zu sein, die aber keine sind? Wie in diesem Fall. Hier gibt sich ein mutmaßliches Qualitätsmedium her und veröffentlicht einen Artikel nicht aus aktuellem Anlass oder aus einer anderen Notwendigkeit, sondern um Klicks für den sogenannten Traffic zu bekommen. Solche falschen Neuigkeiten sind kaum besser als veröffentlichte Lügen.

Bei dem Artikel über das Bermudadreieck verschwindet die Antwort auf ebenso mysteriöse Weise wie die Schiffe in dieser Region des Atlantiks. Denn laut des Artikels „löst sich das Rätsel um das Bermudadreieck (…) in Luft auf“, weil eine Studie des WWF im Jahr 2013 die zehn gefährlichsten Gewässer der Erde identifizierte und – nun die haarsträubende Begründung – „das Bermudadreieck war nicht darunter“. Hierbei geht der Autor des Artikels weder darauf ein, welche Kriterien der WWF angelegt hat, um ein Seegebiet als „gefährlich“ zu bezeichnen (z.B. Gesamtzahl an Unglücken, Schwierigkeit für Seefahrer, Strömungen etc.), noch löst er damit auch nur eines der als mysteriös und unerklärlich dargestellten Unglücke aus den Absätzen zwei bis 16 auf.

Vielleicht ist eine Begründung, die keine ist, das passende Ende für einen Artikel, der eigentlich nicht sein dürfte.

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