Schulden machen!

Buchkritik: Wenn die Geldautomaten kein Geld mehr ausgeben


Lanchester, John: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen, Klett-Kotta, Stuttgart 2013

Der britische Autor John Lanchester hat viel Sachverstand zum Finanzsystem angehäuft und diesen teilt er in seinem Sachbuch „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt“ auf ebenso unterhaltsame wie informative Weise. Während viele Einblicke in die vermeintlich komplizierte Finanzwelt erhellend sind, liegt Lanchester in einem entscheidenden Punkt falsch. Und zwar, wenn er das Machen von Schulden als unabdingbare Notwendigkeit propagiert.

Die Notwendigkeit des Schuldenmachens

Die Kausalkette sieht folgendermaßen aus: der Unternehmer macht Schulden, um in neue Produktionsmittel zu investieren. Diese Investitionen helfen den Gewinn zu steigern, was letztlich dazu führt, dass die Schulden zurückgezahlt werden und ein Profit bleibt. Als Beispiel nennt Lanchester einen Konditor, der durch die Aufnahme eines Kredits die Menge der hergestellten Kuchen vergrößert und so auch nach der Bedienung seiner Kreditschulden am Ende mehr Gewinn erwirtschaften kann. Schulden, die zu Wohlstand führen.

Dieses Modell stimmt so lange, wie es mehr Menschen zu erreichen gibt, die Kuchen kaufen. Wenn aber alle, die Kuchen wollen, schon einen haben oder wenn gar ein Konkurrent die Menge der Abnehmer quasi halbiert, dann kommt das Wachstumsmodell an seine Grenzen. Dieser blinde Punkt dämmert auch dem das Finanz- und Wirtschaftsgebahren. Noch funktioniert das Modell, weil entweder neue Käufer erschlossen werden können (wofür es zusätzliche Ressourcen benötigt) oder weil die Herstellungskosten durch ausbeuterische Methoden (gegenüber Mensch und Umwelt) gesenkt werden.

Bedrohung durch das Finanzsystem

Viele andere Punkte stellt der Autor richtig und pointiert dar. Zum Beispiel stellt er die These auf, dass das Finanzsystem in seiner jetzigen Form eine größere Bedrohung darstellt als der internationale Terrorismus. So grausam Terrorismus sei, argumentiert Lanchester, er könne die westlichen Systeme nicht destabilisieren. Ein Zusammenbruch des Bankensystems sei dazu sehr wohl in der Lage.

Darüber hinaus bedrohe das Finanzsystem die Gesellschaft auch von Innen, es zerreißt die Gesellschaft geradezu. Das obere Fünftel der Gesellschaft verdient 60 Prozent der Einkünfte und die reichsten 0,1 Prozent sogar 700 Prozent der Einkünfte. Ähnlich sieht es mit Vermögen und Besitz aus. Die Reichen werden reicher. Für alle anderen bleiben bloß die Krumen des Kuchens. Die dadurch hervorgerufenen Spannungen sind deutlich spürbar, der Riss zeigt sich vielleicht in Wahlentscheidungen, die immer extremer werden.

Nicht zuletzt sei das Finanzsystem derart komplex, dass es „eine Wissenschaft für sich“ ist, wie das zweite Kapitel überschrieben ist. Es gibt nur noch sehr wenige Menschen, die die mathematischen Formeln hinter den Finanzinstrumenten nachvollziehen können. Somit lässt sich nicht mehr sagen, nach welchen Maßstäben das Finanzsystem funktioniert. Zumal sich die Algorithmen der normalen, menschlichen Logik entziehen. Der gesunde Menschenverstand hat auf die Funktion des Finanzsystems keinen Einfluss mehr.

Nur so ist es zu erklären, dass Waffen, Medikamente, Patente auf Leben und Nahrungsmittel zu Zahlen geworden sind, die des Profits wegen gehandelt werden und besonders profitträchtig sind – gerade weil sie so sensible Bereiche sind.

„Dem Geld ist es egal, mit welcher Art von Unternehmen es zu tun hat. Es will einfach nur noch mehr Geld verdienen. Die Einzelheiten dieses Vorgangs sind dabei nebensächlich, ein Mittel zum Zweck: Der Ertrag, den das Kapital abwirft, ist das Allerwichtigste, und die menschlichen und kulturellen Details, die dabei eine Rolle spielen, sind eben nichts weiter als Details.“

Reiche müssen weder klug noch glücklich sein

Lanchester erklärt einen grundlegenden Denkfehler, der das Finanzsystem trotz dieser Ungerechtigkeiten stützt. Es gehört zu den Grundüberzeugungen der westlichen Kultur (und wahrscheinlich zum Menschsein), dass erfolgreiche Menschen klüger sein müssen als der Rest.Wer reich ist, muss auch klug sein. Allerdings kann, wer reich ist, auch Glück gehabt oder geschickt verhandelt haben, vielleicht droht er gut oder er hat ein Quäntchen kriminelle Energie. Es ist also ein Fehler, diesen reichen Menschen ob ihrer vermeintlichen Klugheit zu trauen.

Vielmehr sollte man besonders skeptisch sein, denn wer in die Finanzindustrie geht, der folgt häufig genug dem Ruf des Geldes, was zur Folge hat, dass sich dort viele Menschen sammeln, denen Geld wichtiger ist als dem durchschnittlichen Mitbürger.

Zuletzt bleibt die Mahnung, dass das Bankgeschäft eigentlich sehr simpel sein sollte: „Die Kunden deponieren ihr Geld auf der Bank, bekommen dafür Zinsen, die Bank leiht das Geld anderen Leuten und berechnet dafür höhere Zinsen.“ Doch davon ist der moderne Finanzmarkt derart weit entfernt, dass Lanchester mahnt, man dürfe nicht vergessen, dass der Finanzmarkt von Menschen erschaffen wurde. Der Finanzmarkt ist kein handelndes Wesen, sondern ein menschengemachtes Instrument, welches helfen soll, dass alle Menschen besser leben können.

Aber dieses Instrument hat sich verselbständigt und die Menschen in das getrieben, was Lanchester als „hedonistische Tretmühle“ bezeichnet. Dabei häuft man immer mehr Besitztümer an und gleichzeitig rückt die Vorstellung von dem, was Glück bedeutet, stets gerade eben erneut außer Reichweite. Wir haben ein iPhone und schon gibt es ein neues. Es gibt immer eine nächste Anschaffung. Der Finanzmarkt braucht dieses Begehren, um seine Zahlen am Rollen zu halten.

Die spannende Frage, die auch das Buch nicht klären kann, ist, ob der Mensch jemals wissen wird, wann er genug hat? Denn wenn alle Menschen denselben Lebensstil anstreben, der im Westen gelebt wird, dann ist dies nicht tragbar für die Erde. Die Menschen im Westen (wir) müssen lernen, mit weniger zu leben, damit alle mit etwa gleichviel leben können. Der Finanzamt, der dies auch ermöglichen sollte, hat sich verselbständigt und muss dringend eingefangen werden.

Lanchester, John: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen bei Amzon kaufen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.