22. September 2020

Zwei Freunde, zwei Feinde

Peckinpah, Sam: Pat Garrett jagt Billy the Kid

„Ein Mann, der nicht fliehen will, wird verfolgt von einem anderen Mann, der ihn nicht fangen will.“ So soll der Produzent Gordon Carroll die Handlung des Westerns zusammengefasst haben. Die Geschichte von „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ ist sehr einfach, sogar so einfach, dass der Titel des Films fast mehr erzählt als der Film selber. Dennoch ist der Western von 1973 sehenswert. Dies liegt an der Inszenierung durch Sam Peckinpah und dem Spiel der beiden Hauptdarsteller James Coburn und Kris Kristofferson.

Für Patt Garett und Billy the Kid ist das Gesetz 1881 etwas Neues. Bis dahin waren sie freie Männer in einem freien Land. Jetzt stehen sie am Scheideweg zur bürgerlichen Gesellschaft, in der der Staat Gesetze erstellt und über die Einhaltung wacht. Sinnbild des Staates ist der Vieh- und Landbesitzer Chisum, der sich aneignet, was zuvor allen gehörte – und dafür vom Staat auch noch Recht bekommt. „Das Gesetz ist schon eine lustige Sache“, sagt Billy the Kid. Denn nach dem Gesetz ist das Land nicht länger frei und es zwingt auch die beiden Männer ihre Freiheit aufzugben.

Billy the Kid lebt die alte Ordnung weiter, dafür gilt er als gesetzlos. Pat Garrett dagegen wird Sheriff, was als Verrat an den alten Idealen erlebt wird. Aus ehemals besten Freunden werden unfreiwillige Feinde. Ausgestattet mit seinen alten Instinkten gelingt es dem neuen Sheriff Billy the Kid zwei Mal zu stellen. Während er ihn beim ersten Mal festnimmt und ihm anschließend heimlich zur Flucht verhilft, muss er ihn bei der zweiten Festnahme erschießen. Gleichzeitig schießt er seinem eigenen Spiegelbild ins Herz, eine Metapher für das schmerzhafte Ende der Männerfreundschaft.

James Coburn jagt Kris Kristofferson und Bob Dylan singt dazu

Gespielt wird Garrett von James Coburn, der die Verzweiflung, den ehemals besten Freund jagen zu müssen, mühsam mit verbissenem Pflichtgefühl beiseite drängt. Diese Verbissenheit macht ihn zu einem kalten Jäger, der innerlich vor der nicht zu lösenden Aufgabe resigniert. James Coburn spielt diesen Zwiespalt grandios. Niemand kann sich der tiefen Verzweiflung entziehen und darum versteht man die gnadenlose Jagd.

Ganz anders, nämlich mit kindlicher Unbekümmertheit und Lebenslust, spielt Kris Kristofferson den Billy the Kid. Obwohl er beiläufig und selbstverständlich mordet, kann ihm der Zuschauer kaum böse sein. Wenn überhaupt ist der Zuschauer verärgert, weil Billy the Kid nie die Flucht ergreift. Das allerdings ist keine Option, er folgt der Mechanik seiner Zeit.

Mit der wortkargen, undurchsichtigen Figur Alias gibt der der Musikpoet Bob Dylan einer größere Nebenrolle sein Gesicht. Allerdings hat Dylan den Film weniger durch seinen Auftritt geprägt, als durch die Musik, die er beigesteuert hat. Bis heute hat der Soundtrack einen nahezu legendären Status. Aus dieser Arbeit ging das drei Jahre später veröffentlichte Album „Desire“ hervor.

Sam Peckinpah und die Mechanik des Menschlichen

Der Regisseur Sam Peckinpah stellt in seinen Filmen die Frage, was Menschlichkeit eigentlich ist. Seine Antwort lautet nicht: Nächstenliebe. Bei ihm sind Männer dreckige Bastarde. Sie sind ihren Freunden gegenüber loyal, aber nur so lange diese nicht im Weg stehen. Stattdessen setzt Peckinpahs Mechanik des Menschlichen ein. Diese sieht vor, dass man sich gegenseitig erschießt, jagt und betrügt, sowie dass man Alkohol und Vergnügen dort genießt, wo sie sich bieten. Beispielhaft dafür ist eine Szene kurz vor Schluss, als Billy the Kid unangekündigt eine befreundete Farmersfamilie besucht. Dort ist zufälligerweise ein gemeinsamer alter Freund anwesend, der vor kurzem zum Sheriff ernannt worden ist. Die Mechanik verlangt ein Duell der beiden Männer.

Keiner der beiden Männer will das Duell, beide wissen, wie es ausgehen wird. Aber Peckinpahs Mechanik des Menschlichen zwingt die beiden und der Sheriff fällt tot zu Boden. Peckinpahs Film zeigt, dass das Leben nicht gerecht ist und auch nicht schön, sondern ein ziemlich dreckiges Schwein, das dir in den Rücken schießt, wenn du es dazu zwingst. Solche Szenen machen die Filme des Regisseurs aus, wenngleich diese Botschaft natürlich auch Kritik auslöst. Die Mechanik des Menschlichen erfordert Dominanz und Überwindung, sie ist ein deutlicher Gegenentwurf zur politisch korrekten Gesellschaft.

Aus einer anderen Kino-Zeit

Erzählt wird der Film bewusst langsam, dabei entfaltet er jedoch nicht den Sog von Sergio Leones „Spiel mir das Lied von Tod“. Die langsame Erzählung ist noch ganz auf die Größe der Kino-Leinwand ausgerichtet. Während im Vordergrund die Handlung spielt, ist im Hintergrund immer eine weitere Szene zu sehen. Diese trägt zwar nichts zur Handlung bei, aber sie existiert. Seien es die Viehtreiber, die ein Kalb markieren oder Handwerker, die ihrer Arbeit nachge­hen. Der Film stammt aus Zeit, als im Kino die schiere Größe der Leinwand zum Verweilen einlud, sei es durch die Schönheit der Landschaft oder die Details des menschlichen Gesichts.

Letztlich ist auch die Flucht nach Mexiko kein Ausweg. Paco, der diesen Weg zu gehen versucht, wird unterwegs von Chisums Männern zu Tode gepeitscht, weil er unerlaubterweise das Land des Viehbesitzers betreten hat. Die neue Ordnung setzt mit Gewalt um, was als ungerecht empfunden wird. Beide Männer, Billy the Kid wie Pat Garrett, wollen in diesem Land alt und grau werden. Billy the Kid, der seinem subjektiven Rechtsempfinden folgt, wird von seinem Jäger erschossen und zugleich als Charakterstark bewundert. Pat Garrett beugt sich und wird alt. Auch das ist die Mechanik des Menschlichen: Das Alte mag schön gewesen sein, doch wenn das Neue kommt, muss das Alte weichen.

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