23. November 2020

Einfach unverschämt chic

Lenovo Yoga Book (YB1-X91F), 64GB, Win 10 Pro, schwarz

Lenovo Yoga Book
Lenovo Yoga Book

Es gibt nur sehr wenige technische Geräte, nach denen sich auch Apple-User umdrehen. Das Yoga Book von Lenovo ist ein solches Gerät. Zusammengeklappt ist es unverschämt dünn, aufgeklappt ist es unverschämt aufregend. In Kombination mit dem Stift könnte es unverschämt sinnlich sein – könnte.

StärkenSchwächen
+ stylisch– Eingaben kompliziert
+ sehr leicht– langsam
+ sehr kompakt– kleiner Speicher

Ein paar Jahre voraus – leider

Das Yoga Book von Lenovo sieht aus wie ein kleines, sehr schmales Notebook. Mit einer Dicke von nur einem Zentimeter (eigentlich 9,6 Millimeter) und einem Gewicht von 690 Gramm könnte es zusammengeklappt auch als ein Tablet durchgehen. Es muss als außerordentlich fein bezeichnet werden. Fein wie in gehobener Gesellschaft. Dazu tragen auch die schicken Scharniere und die angeschrägten Kanten bei.

Erreicht wird dies alles durch den Verzicht auf eine klassische Tastatur. An der Stelle, wo sich normalerweise bei Notebooks die Tastatur befindet, ist eine berührungsempfindliche Fläche, die sich am ehesten mit einem riesigen Touchpad vergleichen lässt. Auf dieses kann man kann sogar einen Schreibblock aus Papier legen (von Lenovo wird einer mit magnetischer Halterung mitgeliefert, aber man kann auch jeden anderen Block verwenden) und mit den beigefügten Kugelschreiberminen schreiben. Das Geschriebene wird digitalisiert. Mit diesem Bedienkonzept ist Lenovo der Konkurrenz ein paar Jahre voraus.

Yoga Book mit Stift
Yoga Book mit Stift

Aber nur scheinbar. Mal eben schnell eine Notiz eingeben: umständlich. Denn die Technik ist nicht nur der Konkurrenz voraus, sondern auch der Software. Die Eingabe und Texterkennung mit dem Stift ist unter Windows noch umständlich, da man in einem relativ kleinen Fenster bleiben muss und das System hängt mit der Erkennung häufig hinterher. Schreibfluss kommt auf diese Weise nicht auf. Zudem sind das Löschen oder Einfügen, das Kopieren und Verschieben mit einem Stift noch immer umständlich im Vergleich zu einer Maus oder Tastatur.

Während man also theoretisch große Lust hat, das Yoga Book wie einen digitalen Notizzettel zu verwenden, gibt es in der Praxis große Probleme damit.

Mit der Halo-Tastatur: zwei bis vier Finger tippen

Die Halo-Tastatur
Die Halo-Tastatur

Neben der Stifteingabe ist auf dieser Fläche auch eine Tastatur einblendbar. Kleine Lichtvierecke leuchten aus dem Schwarz der übergroßen Fläche, weswegen die Tastatur von Lenovo „Halo“ genannt wurde. Diese Halo-Tastatur ist ebenso innovativ wie problematisch. Zum Tippen berührt man die Vierecke, was so haptisch ist wie das Tippen auf einem Handy oder Tablet, nicht sonderlich gut, aber man kann sich daran gewöhnen.

Der fehlende Anschlag einer Tastatur wird durch ein Vibrationsfeedback simuliert. Man weiß, dass eine Eingabe registriert wurde, aber man weiß nicht immer, welcher Finger dafür gerade verantwortlich war, zumal auch versehentliche Berührungen als Eingabe registriert werden. Eine echte Tastatur ist deutlich toleranter, weil man mehr Kraft aufbringen muss, um eine Eingabe auszulösen. Wirklich gewöhnungsbedürftig ist es, Tasten gedrückt zu halten, die es nicht gibt. Die Großschreibung oder das Markieren von Text sind solche Fälle.

Insgesamt lässt sich die Halo-Tastatur gut mit zwei bis vier Fingern bedienen. Sobald es mehr Finger werden oder man mehr als einen Finger gleichzeitig einsetzt, steigt die Fehlerquote ins Ärgerliche.

Geschwindigkeit von Anfang 2000

Auch abseits der Eingabegeräte ist das Gerät nicht sonderlich schnell. Mit seinem Intel Atom Z8550 Prozessor mit einer Taktung von 2,4 GHz und mit 4 GB LPDDR3 RAM ist es für ein Gerät seiner Kategorie gerade noch annehmbar mit Rechenkraft ausgestattet. Die Programmstarts ziehen sich teilweise erheblich und zudem gibt es immer wieder – und das ist wirklich ärgerlich – Verzögerungen bei der Eingabe, auch im einfachen Schreibprogramm. Da „verschluckt“ sich das System und erst mit deutlicher Verzögerung werden die getätigten Eingaben doch noch „ausgespuckt“. In der Zwischenzeit muss man mit einem Blindflug leben, was gerade in Verbindung mit der Halo-Tastatur oder der Handschrifterkennung zu einem nervigen Zufallsspiel wird.

Anschlüsse und Ausstattung

An Anschlüssen bietet das Yoga Book wenig und dennoch genug. Ein Kopfhöreranschluss ist Standard und zusätzlich gibt es einen Mikro-USB-Anschluss, über den das Tablet aufgeladen oder mit Daten befüllt wird.

Angeboten wird das Yoga Book in zwei Speichervarianten, einmal mit magerem 64 GB Speicher und einmal mit annehmbarem 128 GB Speicher. Beides sind leider keine flotten SSD-Speicher, sondern langsamere Flash-Speicher. Wenn man noch den Platz abzieht, den das jeweilige Betriebssystem belegt, bleibt nicht mehr viel Speicher übrig für eigene Filme, Musik, Dateien. Immerhin kann man zur Speichererweiterung laut Hersteller Mikro-SD-Karten bis 128 GB Speicher einlegen, so dass man zumindest etwas Reserve hat.

Sound und Grafik

Das Display löst mit der etwas verbesserten Standardauflösung von 1920 mal 1200 Pixeln auf, was bei einer Bildschirmdiagonale von 10,1 Zoll einer Pixeldichte von 218 ppi entspricht. Natürlich gibt es besser aufgelöste Geräte. Heutzutage gibt es immer irgendwas, was besser ist, das heißt aber nicht, dass die Auflösung nicht längst hervorragend für das menschliche Auge wäre – zumindest für mein Auge.

Da das Display glänzend ist, ist es ratsam, eine matte Folie anzubringen. Dadurch geht zwar etwas Glanz verloren, aber bei dem Yoga Book geht es um Mobilität und Mobilität bedeutet, dass man immer wieder auch draußen ist.

Natürlich sind an dem Gerät auch zwei Kameras verbaut. Vorne eine Kamera mit 2 Megapixel für Videotelefonie und hinten eine Kamera mit 8 Megapixel für Fotos, die wahrscheinlich nie jemand damit machen wird, zumindest keine ernsthaften Fotos.

Der Sound ist, wie man ihn bei einem Gerät in dieser Größe und Dicke erwarten kann. Es klingt annehmbar. Jeder, der etwas auf Sound hält, wird nicht auf die Lautsprecher des Geräts zurückgreifen. Für solche Fälle, so könnte man sagen, wurde Bluetooth erfunden, welches in Version 4.1 im Lenovo Book verbaut ist.

Akku

Die Größe des Akkus wird vom Hersteller mit 8500 mAh angegeben, was den Prozessor mit seiner niedrigen TDP (Thermal Design Power) von 4 Wh für ungefähr 780 Minuten am Laufen hält. Dies habe ich nicht in der Praxis nachvollzogen und ist ein theoretischer Wert. Schön ist, dass man Dank des Mikro-USB 2.0-Anschlusses kein proprietäres Ladegerät mit sich herumtragen muss, sondern zum Beispiel auf die Handyladegeräte der Freunde zurückgreifen kann, selbst wenn das Laden dann etwas länger dauert.

Software

Das Yoga Book
Das Yoga Book

Offensichtlich steht und fällt ein solches Konzeptgerät mit der dafür verfügbaren Software. Apple macht es mit der Touchbar beim aktuellen MacBook Pro vor. Dort, wo die Programme oder Apps angepasst sind, gibt es auch einen Zuwachs in der Produktivität, angeblich. Kaufen kann man das Yoga Book entweder mit Android 6 oder Windows 10. Hier kann man nach seinem Nutzungsszenario und seinen Vorlieben auswählen. Windows ist vielleicht etwas produktiver, Android dafür in der Bedienung deutlich komfortabler. Aktuell ist Windows jedoch nicht genügend angepasst, so dass viele theoretische Produktivität in der Praxis nicht abgerufen wird.

Fazit: grandioses Design, mäßige Ergonomie

Bei Kameras mit Wechselobjektiven gibt es ein Objektiv, welches man als „always on“ bezeichnet. Das heißt, dieses Objektiv hat man eigentlich immer auf der Kamera, um damit kreativ zu sein. Das Yoga Book von Lenovo könnte ein „always on“-Gerät sein. Während man Notebooks häufiger mal zu Hause lässt, sei es wegen des Gewichts, der Akkulaufzeit oder auch des hohen Anschaffungspreises, so meistert dieses außergewöhnliche Stück Technik diese Punkte mit Bravour.

Allerdings gibt es Einschränkungen in der Ergonomie. Die Tastatur ist eher keine. Etwas Mechanik und das damit verbundene haptische und akustische Feedback täten sehr gut. Auch der ordentliche Stift kann diesen Nachteil nicht kompensieren. Die Arbeitsgeschwindigkeit ist auszuhalten, aber gering. Anschlüsse sind vorhanden, bloß wenige.

Insgesamt steckt das Yoga Book in der Mitte zwischen Tablet und Notebook fest. Um nur mal schnell etwas zu googlen oder sich Rezepte anzeigen zu lassen, wie man es mit einem Tablet tut, ist es eigentlich zu schade. Und ein Notebook kann es ganz sicher ebensowenig ersetzen wie einen Notizblock aus Papier. Wirklich arbeiten werden damit wohl nur jene, die auch sonst häufig mit dem Stift zeichnen.

Das Yoga Book ist ein interessantes Stück Technik, das ist ihm nicht zu nehmen. Mehr noch ist es ein herausragendes Stück Design.

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