Sportdoku: Das Prinzip Olympiade

Forman, Milos et al.: Olympiade ’72 München

In den 110 Minuten des Dokumentarfilms „Olympiade ’72 München“ sind nur am Rand wenige Spuren des terroristischen Anschlags enthalten. Dies schadet dem Film jedoch nicht und ist auch keine Nachlässigkeit. Der englische Originaltitel – „Visions of Eight“ – offenbart warum.

Acht Regisseure, acht Nationen, acht Episoden

Der Dokumentarfilm setzt sich aus acht unterschiedlichen Episoden von acht namhaften Regisseuren zusammen. Jeder durfte sein Thema frei wählen und auch die visuelle Umsetzung selbst bestimmen. Die einzige Bedingung des amerikanischen Produzenten David Wolper war, dass die Beiträge nicht länger sein würden als 15 Minuten. Insofern zeichnet sich dieser Episoden-Dokumentarfilm durch eine gewisse formelle und stilistische Vielfalt aus: Jeder der acht Regisseure hat eine eigene Vision von Olympia um und keine der Visionen sah einen Terroranschlag vor.

Keiner der Regisseure hatte ein Interesse an Zahlen, Namen oder Fakten. Die Dokumentation ist somit keine Nacherzählung der „Spiele der XX. Olympiade“, wie sie von offizieller Seite genannt wurde, Im Vordergrund stehen die Leistung, nicht die Vergleichszahlen; der Wettbewerb, nicht die Sieger; und der Kampf des Sportlers gegen sich selbst. Kurz das, was den Sport als Prinzip ausmacht. Alle Episoden bemühen sich, das Prinzip Olympia einen Augenblick lang einzufangen – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Zu Beginn jeder Episode hat jeder Regisseur die Möglichkeit, zu erläutern, worauf es in den folgenden 15 Minuten ankommt. Zum Beispiel will Kon Ichikwa, Regisseur der Episode „Der Schnellste“, beim 100-Meter-Lauf mit Hilfe der Zeitlupe sichtbar machen, was das menschliche Auge sonst nicht sehen kann. Um etwas sehr ähnliches geht es dem französischen Regisseur Claude Lelouch auch, bloß dass er in „Die Verlierer“ den Augenblick einfangen will, in dem der Sportler nach einer Niederlage ganz einsam ist. Und die schwedische Regisseurin Mai Zetterling beobachtet in „Der Stärkste“ die Gewichtheber, weil sie in deren Tun eine Besessenheit erkennt, die sie interessiert.

Die Themen sind zwar verschieden und doch wieder gleichartig. Es geht darum, in der genauen Beobachtung das Besondere zu finden. Genauso verhält es sich mit den filmischen Mitteln. Sie sind sich ähnlicher, als man es bei acht verschiedenen Regisseuren aus acht unterschiedlichen Nationen erwarten würde. Jeder will das Besondere und so werden bekannte Stilmittel wie die Zeitlupe oder die Montage, das heißt die Reihung thematisch gleichartiger Bilder zu einem Tonstück, alltäglich.  Viele Regisseure haben zudem das Abseitige aufnehmen lassen, die Sportler beim Training oder nach der Niederlage gefilmt. „Olympiade ’72 München“ steht als Episoden-Dokumentarfilm auf erfrischende Art und Weise dem Experimentalfilm nah, ohne jedoch verschlossen oder sperrig zu sein. Aus der Vielfalt der filmischen Mittel ergeben sich neue, ungewöhnliche Einblicke in das Prinzip Olympia.

Kein kühler Ästhetizismus nach Leni Riefenstahl

Man kann keine Dokumentation über Olympia sehen, ohne nicht auch an Leni Reifenstahls Werk zur Olympiade ’36 in Berlin zu denken. Tatsächlich erinnern die letzten Einstellungen der ersten Episode „Vor dem Anfang“ von „Juri Ozerov“ stark an Aufnahmen der deutschen Regisseurin. Ein Turmspringer stößt sich ab und schwebt in Zeitlupe dem Wasser entgegen. Die Kamera ist gegen den Himmel gerichtet. Obwohl es durch den gesamten Film hindurch immer wieder Aufnahmen gibt, die von Riefenstahl inspiriert zu sein scheinen, geht es keinem der Regisseure um eine Nachahmung des kühlen Ästhetizismus.

Das hätte auch kaum gelingen können. Zum einen, weil Reifenstahls Ästhetik aus gutem Grund verbrämt ist, zum anderen, weil das Erscheinungsbild der Sportler so gar nicht ästhetisch ist. Im Gegensatz zu den heutigen Athleten, die nicht nur Profisportler sind sondern auch Medienprofis, überzeugen die Sportler von 1972 das medienkonsumgewohnte Auge des Zuschauers durch ihre gesunde Natürlichkeit.

Nachdem man den „Olympiade ’72 München“ gesehen hat, weiß man nicht viel mehr über die Rekorde und Gewinner dieser Sommerspiele. Dafür erfährt man einiges über das Prinzip Sport an sich und die Faszination, die er auf Spitzensportler und Zuschauer ausübt: Dieser ständige Versuch, mehr Leistung zu erbringen, ein Stück besser zu werden und welche Entbehrungen und Deformationen Olympioniken für ihren Traum in Kauf nehmen. Nebenher erhält der heutige Rezipient einen teilweise wirklich belustigenden Einblick in die Mode und Gebaren der frühen 70er Jahre. Vor allem der ohnehin komisch angelegte Beitrag des tschechischen Regisseurs Milos Forman „Der Zehnkampf“ hebt sich hier positiv hervor.


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