31. Mai 2020

Aus einer anderen Zeit

Die Taube auf dem Dach (DDR/ D 1973, Spielfilm, 82 Min., Regie und Drehbuch: Iris Gusner)

Die Taube auf dem Dach
Die Taube auf dem Dach

Reicht ein vor fast 40 Jahren ausgesprochenes Aufführungsverbot, um einen Film im Jahr 2010 in die Kinos zu bringen? Wenn es nach der DEFA-Stiftung geht, ja.

Zugegebenermaßen war Die Taube auf dem Dach nur knapp die Hälfte der Zeit verboten, die andere Hälfte galt er als zerstört bzw. verschollen. Auch die jetzt für das Kino restaurierte Fassung entspricht nicht dem ursprünglichen Farbfilm, da von der letzten, schlecht erhaltenen Arbeitskopie nur noch ein schwarz-weißer Abzug gemacht werden konnte. Die Farbe scheint unwiderruflich verloren. Das Genre des DDR-Verbotsfilms erhält mit „Die Taube auf dem Dach“ ein neues und vielleicht letztes Mitglied.

„Freunde, nicht alles, was geblasen wird, ist Trübsal“, heißt es leicht frivol während einer Feier zu Beginn des Films. Der geneigte Zuschauer kann darin politisch subversive Töne erspähen. In dieser Weise funktioniert der Film häufig: Er hat den Menschen sprichwörtlich „auf die Schnauze geschaut“. Herausgekommen sind anzügliche Anspielungen und Äußerungen, die so aber auch ganz anders gemeint sein könnten. Zumal die im Film wiederholt angebrachte Frage „Was erwartest du vom Jahr 2000?“ als grenzüberschreitend gesehen werden kann.

Mehr Gesellschaftspanorama, weniger Handlung

Dabei geht es dem Film weniger um die Erzählung einer Geschichte, als um die Aufzeichnung eines Gesellschaftspanoramas. Die einzelnen Szenen fokussieren sich auf Charakterzüge, Beziehungen oder Situationen; sie sind nicht handlungstragend, wie man es vom gängigen Erzählkino gewohnt ist. Konkret geht es um die junge Bauleiterin Linda, die sich in einer Menage-à-trois zwischen dem Baubrigadier Hans Böwe und dem Studenten Daniel entscheiden muss und dabei in erster Linie in ihrem Beruf vorankommen will. Für die richtigen Termine, Zahlen und Betonplatten setzt Linda auch mal ihre weiblichen Reize ein. Diese Tauschwirtschaft unterläuft die sozialistische Planwirtschaft. Betonplatten werden gegen Festmeter Holz getauscht und Sexappeal gegen bevorzugte Behandlung.

Heidemarie Wenzel spielte die beflissene Linda sehr akkurat und zugleich mit einer weichen, Sympathie erzeugenden Wärme. Der Baubrigadier Hans Böwe wurde wunderbar von Günter Naumann gespielt, gleichzeitig kantig, stoisch und auf eine männliche Weise verletzlich. Während der sozialistische Vorzeigearbeiter nichts von privaten Tauschgeschäften hält, ist sein eigenes Privatleben in Folge der vielen Aufbauarbeit schon längst zusammengestürzt – nur der Alkohol hält ihn aufrecht. Der zeitgenössische Vorzeigearbeiter erhält heutzutage, im Unterschied zum System des Sozialismus, zumindest die Chance, das verlorene Privatleben durch Machtgewinn oder Konsum zu kompensieren. Der Student Daniel, knabenhaft gespielt von Andreas Gripp, fällt ein wenig gegen die beiden anderen Hauptrollen ab.

Mehr Nouvelle Vague, weniger Neuer Deutscher Film

Letztlich bleiben die Protagonisten unglücklich verliebt: Sie lieben das Leben, werden aber unter den gegebenen Umständen nicht recht glücklich damit. Es geht in dem Film nicht so sehr um Menschen, die ein Verhältnis zueinander suchen, als um die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft. Dies hat die damals junge Regisseurin Iris Gusner in lebendigen, atmosphärischen Szenen inszeniert. Trotz oder Dank einiger unnötiger Stilblüten erinnert die Erzählweise der Erstlingsarbeit mehr an die französischen Filme der Nouvelle Vague, denn an das verkopfte Neue Deutsche Kino westdeutscher Prägung. Bemerkenswerterweise wurde das Verbot des Films nicht, anders als man annehmen sollte, zum frühen Stolperstein in Gusners Karriere. Vielmehr wurde ihr Debüt als ein Experiment gewertet und somit war der Weg frei für spätere Erfolge wie „Das blaue Licht“ und „Alle meine Mädchen“.

Mehr filmhistorisch, weniger aktuell

Insgesamt ist Die Taube auf dem Dach ein sehenswertes Dokument seiner Zeit. Allerdings fehlt dem Film, der vor fast 40 Jahren für das Kino gedacht war, die Eigenschaft „auf der Höhe seiner Zeit sein“, wie man so schön sagt – ein wichtiger Faktor für die Kinoauswertung. Ein wenig wird der Filmgenuss zudem durch das Etikett des DDR-Verbotsfilms blockiert. Die Frage, ob der Film zu Recht verboten wurde, steht beständig im Raum und damit auch im Weg. Das große Verdienst der DEFA-Filmstiftung besteht schließlich darin, ein filmhistorisch wichtiges Dokument gesichert und einen wirklich sehenswerten Film vor dem Vergessen bewahrt zu haben.

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