Die Schönheit der Bewegung im Alter

Filmrezension: Herbstgold (Regie: Jan Tenhaven), 2010

Herbstgold, 2010 (Amazon Link)

Der tschechische Hochspringer Jiri Soukup sagt mit einem Augenzwinkern, worauf es ihm ankommt: „Ich will meine Jugend verlängern.“ Darum treibt er auch noch mit über 80 Jahren Sport, Leistungssport sogar. Er trainiert, um bei der 18. Leichtathletik-WM der Senioren im finnischen Lahti anzutreten.

So wie Jiri gibt es jede Menge Athleten, die im hohen Alter trainieren, um Goldmedaillen zu gewinnen und Weltrekorde zu brechen. Fünf dieser Seniorenathleten im Alter von 77 bis 99 Jahren wurden von Regisseur Jan Tenhaven für seinen ersten Kino-Dokumentarfilm „Herbstgold“ bei den Vorbereitungen auf die Wettbewerbe, beim Training und im Alltag begleitet.

Die sich langsam selbst erzählende Dokumentation verzichtet auf einen erzählenden Kommentar, gibt so den Senioren Zeit, ihre Motivation zu erklären und offenbart: Die Senioren haben nicht nur Leistungsziele, sondern sie stehen auch im Konkurrenzdenken jüngeren Leistungssportlern kaum nach. Es entsteht der Eindruck, als würde der Wolf im Menschen auch im hohen Alter nicht milde. Gleichzeitig zeigt sich an den leeren Zuschauerrängen, dass im Sport nach wie vor die absolut höchsten Ergebnisse interessieren.

„Ja, da gibt´s langsam Altersflecken.“

Zwar haben spätestens seit Andreas Dresens „Wolke Neun“ Filme Konjunktur, die das Altern zum ungeschönten Thema machen, doch muss eine Dokumentation über Sport im hohen Alter qua Thema sperrig bleiben. Zudem tritt im Mittelteil der Aufhänger Sport in den Hinter- und das Leben als alter Mensch in den Vordergrund. Mit ihrem Fokus verliert die Dokumentation zugleich an Schwung. Doch dies ist nur ein vorübergehender dramaturgischer Hänger.
Problematischer ist, dass Herbstgold zwar eine Hommage an das Leben sein will und diesem Ziel mit einer langsamen, getragenen Pianomusik immer wieder entgegen läuft. Auch wenn es schnellere, fröhlichere Stücke gibt, erzeugt zumindest die Pianomusik eine unnötig traurige Stimmung, die nicht den aktiven, fröhlichen Sportlern entspricht.

Es sind der Ehrgeiz, Lebenswille und Humor der Protagonisten, die die Dokumentation sehenswert machen. „Ja, da gibt’s langsam Altersflecken“, sagt der 99 jährige Wiener Alfred Proksch amüsiert, als die Kamera nicht wegschaut, sondern beim umständlichen Ausziehen genau draufhält. Die daraus entstandenen imposanten Aufnahmen, hat Kameramann Marcus Winterbauer stilsicher eingefangen. Sich anspruchsvoll bewegende alte Körper. Arbeitende Muskeln, die vergraben unter Hautfalten nicht in Erscheinung treten. Ehemals automatisierte Bewegungsabläufe, die wieder geübt werden müssen. Nicht zuletzt Menschen, die um ihr Alter wissen. Geradezu wie ein Denkmal der Bewegung im Alter wirken schließlich einige Aufnahmen in Superzeitlupe kurz vor Ende der Dokumentation. Diese Bewegungen, wenn die Sportler ihre entscheidenden Leistungen in den Wettbewerben erbringen, sind die Essenz des Films. Die Schönheit der Bewegung im Alter in Superzeitlupe.

Gänsehautstimmung

In der wahrscheinlich schönsten Sequenz des Films müssen die Sportler ihre Anmeldeunterlagen für die WM ausfüllen. Doch die Formulare sind zu kompliziert und die Schrift sowieso zu klein. Wenn dann mit zittriger Hand die Leselupe zur Hilfe genommen wird, zeigt sich, wie zerbrechlich die Körper der Protagonisten trotz 100-Meter-Lauf, Kugelstoßen und Hochsprung schon sind. Der Zuschauer ahnt, man kann sich im Sport nicht nur stählen, sondern auch verstecken.

Insgesamt ist Herbstgold eine Dokumentation, die im Fernsehen wie im Kino eine sehr ähnliche Wirkung entfalten wird. Sie ist eine aufwendige und gut gemachte Beobachtung, die aufgrund ihres sperrigen Themas und ihrer gemächlichen Erzählgeschwindigkeit eindeutig nicht auf das breite Publikum abzielt. Trotzdem: Im Open-Air-Sommerkino oder auf Festivals dürfte sich im gemeinsamen Sehen Gänsehautstimmung einstellen.

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